Aktive Meditation für den modernen Menschen
Fast überall wird heute meditiert – in Fitness-Zentren, in Intensiv-Workshops für Krebs- und Herzkranke, in psychotherapeutischen Gruppen, in Manager-Seminaren, in Reha-Institutionen für Drogensüchtige, in buddhistischen Retreats, im Club Mediterranee auf Bali, in Spezialkursen für Autobusfahrer der Stockholmer Verkehrsbetriebe, sogar in katholischen Klöstern. Aber oft kommt es bei der Meditation gar nicht zur Meditation, denn Meditation ist totale Entspannung. Meditation kann man nicht erzwingen. Sie ereignet sich – oder auch nicht.
Wo immer Anfänger versuchen, unter extremen Bedingungen alte Meditationstechniken wie die "Vipassana" zu praktizieren, kann Meditation leicht zum Krampf werden.
Ich hatte damals in einem buddhistischen Retreat in Sri Lanka mit der Vipassana-Meditation Bekanntschaft gemacht. Das war so, als wenn sich ein australischer Aboriginal ans Steuer eines Porsche setzt. Er hat sich bisher nie schneller als im Schrittempo bewegt, er weiß nicht, was hundert Sachen sind, er tritt aufs Gaspedal und erschreckt sich zu Tode.
Umgekehrt können Novizen der Meditation – gestreßt, stets unter Termindruck und von vielfältigen Ängsten geplagt – nicht stundenlang mit geradem Rücken auf dem Boden sitzen, die Augen schließen, die Aufmerksamkeit auf die Nasenspitze richten, den Atem beobachten und ganz relaxt nach innen gehen.
Vipassana und all die anderen traditionellen Meditationstechniken, die aus dem Osten zu uns gekommen sind, wurden für einen Menschentyp entwickelt, den es nicht mehr gibt. Kein Wunder also, wenn wir bei der Anwendung dieser Techniken oftmals ganz unmeditativ nervös und agressiv werden.
Vor zweieinhalb tausend Jahren gab es kein Fernsehen, kein Fax, kein Telefon, keinen Verkehrsstau, keinen Düsenlärm, keine Hektik. Die Menschen saßen nicht im Auto oder auf dem Bürosessel, sie mußten sich noch körperlich anstrengen. Deshalb konnten sie sich ohne Schwierigkeiten einfach hinsetzen, die Augen schließen und ihren Atem beobachten. Bei uns können das nur totale Phlegmatiker oder Leute, die sich mit moderneren Meditationstechniken auf die Vipassana vorbereitet haben.
Es gibt nur eine traditionelle Technik, die sich für den rastlosen Zivilisationsmenschen als Einstieg empfiehlt: Das sogenannte "Whirling" – die Meditation der Sufis, eines mystischen Ordens des Islam. Whirling ist das, was die "tanzenden Derwische" tun – sie drehen sich zu monotonen Melodien im Kreis, schnell, immer schneller, bis sie sich im Drehen sozusagen auflösen. Es gibt keine Gedanken mehr, nur noch die Drehung – bis zum Umfallen.
Zwei andere Meditationstechniken, die sich als Einstieg bewährt haben und deshalb in immer mehr Meditationskursen und Workshops praktiziert werden, sind relativ neu: die "Dynamische" Meditation und eine Schüttelmeditation mit dem etwas esoterischen Namen "Kundalini"-Meditation. (Mit irgendwelchen Yoga-Kundalini-Übungen hat sie nichts zu tun). Beide Meditationen sind, wie der Tanz der Derwische, Bewegungsmeditationen, wobei die "Dynamische" körperlich intensiver ist und auch eine kathartische Phase hat und die Kundalini etwas sanfter und tänzerischer ist.
Warum dann nicht gleich beim Joggen und Tanzen in der Disco bleiben, wenn Bewegung für die Meditation offenbar so wichtig ist? Eigentlich spricht gar nichts dagegen: Joggen und Tanzen kann Meditation sein, wenn eine wichtige Komponente dazukommt: Bewußtheit – die wache, urteilsfreie, entspannte Selbstbeobachtung. Wenn sich Bewegung mit Bewußtheit verbindet, kann jeder Sport zur Meditation werden – Skilaufen, Tennis, Rollerskating, Schwimmen ...
Die Dynamische Meditation, so könnte man sagen, ist Lotussitz und Disco-Dancing plus Bewußtheit. Man muß einfach total dabei sein, darin aufgehen, sich nicht ablenken lassen von Gedanken – total sein im Hier & Jetzt.
Die Dynamische Meditation dauert eine Stunde. Sie besteht aus fünf Phasen, die 10 bzw. 15 Minuten lang sind. Jede Phase wird von Musik begleitet und akzentuiert. Es ist wichtig, leichte und bequeme Kleidung zu tragen. Nach jeder Phase wechselt die Musik.
Die
Dynamische Meditation
1. Atmen (10 Min.) 2. Sich austoben (10 Min.) 3. Hüpfen (10 Min.) 4. Stille (15 Min.) 5. Tanzen (15 Min.)
1.
Phase: Atmen
Der
Mund bleibt geschlossen, man atmet durch die Nase ein und aus (deshalb vorher
Nase putzen!). Der Fokus liegt auf dem Ausatmen. Man atmet tief, schnell und "chaotisch",
das heißt, nicht die ganze Zeit im gleichen Rhythmus. Der Körper soll sich dabei
nicht verkrampfen, besonders Nacken und Schultern sollen locker bleiben. Deshalb
ist es gut, die Arme leicht anzuwinkeln und mit dem ganzen Körper die Atembewegung
mitzumachen, auch der Kopf geht mit.
Diese Atemtechnik "pumpt"
Sauerstoff ins Gehirn und belebt den ganzen Organismus. Die Energie baut sich
immer weiter auf - zehn Minuten lang - , bis sie sich in der zweiten Phase entladen
kann.
2. Phase: Sich
austoben
Explodieren!
Schreien, Singen, Heulen, Tanzen, auf Kissen schlagen, Stampfen, Schütteln, kurzum
alles tun, wozu uns im Augenblick zumute ist und was uns befreit. In dieser Phase
soll der Körper die Regie übernehmen, nicht der Verstand. Wenn es Hemmungen gibt,
loszulassen und total zu sein, hilft es manchmal, sich nicht allzu ernst zu nehmen
und sich wie ein Kind aufzuführen. Als Kinder kannten wir keine Hemmungen, unsere
Gefühle spontan auszudrücken oder gar auszutoben. In den 10 Minuten der zweiten
Phase sollte man sich völlig gehen lassen. Jeder bleibt dabei für sich, die Augen
sind geschlossen und andere Teilnehmer dürfen nicht berührt oder auf irgendeine
Weise provoziert werden.
In der zweiten Phase werden aufgestaute
Emotionen ausgelebt – Wut, Frust, Trauer – für die es im Alltag entweder gar kein
Ventil gibt oder das falsche (z.B. die Freundin, der Ehemann oder der Hund). Man
kommt mit seinen Gefühlen in Kontakt, läßt sie zu und drückt sie aus. Eine Reinigung
der Psyche.
3. Phase: Hüpfen
Mit
erhobenen Armen – locker in Schultern und Nacken– hüpft man auf der Stelle und
stößt jedes Mal, wenn man auf dem Boden aufkommt, ein "Huh!" aus. Das
"Huh!" soll mit tiefer Stimme "aus dem Bauch" kommen und die
Meditierer mit ihrem Hara, ihrem Lebenszentrum in Kontakt bringen. Das Hüpfen
ist kein "Federn", man springt und landet nicht mit den Zehenspitzen,
sondern mit der gesamten Fußfläche auf dem Boden. Dabei muß auf die richtige Körperhaltung
geachtet werden (kein Hohlkreuz!)
In dieser Phase werden Energiereserven
mobilisiert. Man erkennt nach einer Weile, daß man viel mehr Kraft hat, als man
sich bisher vorstellen konnte. Die Entdeckung ist für viele eine Offenbarung,
die ein völlig neues Körpergefühl erzeugt. Herz und Kreislauf werden auf Hochtouren
gebracht. Wer das "Ich-kann-nicht-mehr!"-Gefühl überwindet, geht aus
dieser Phase mit einem wunderbaren Selbstgefühl hervo
4.
Phase: Stille
Die
4. Phase beginnt mit einem lauten "Stop!" – worauf jeder – in welcher
Position er sich auch befindet – auf der Stelle "gefriert". Keine Bewegung,
kein Husten, kein Stellungswechsel, bis die Musik zur 5. Phase erklingt. Die Stille-Phase
ist die eigentliche Meditationsphase, auf die die vorhergehenden Phasen vorbereitet
haben. Die Augen sind geschlossen. Man hört in sich hinein, beobachtet - hellwach
- seinen Körper, seine Gedanken und Gefühle.
In der vierten Phase
findet man zu sich selbst und stellt eine Distanz her zu allem, was uns bewegt.
Eine tiefe innere Ruhe stellt sich ein.
5.
Phase: Tanzen
Die
letzte Phase ist Tanz oder Bewegung zu leichter, entspannender Musik.
Beschwingtheit, Harmonie, Rückkehr in den Alltag mit einem neuen, frischen Lebensgefühl.