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die zerreissprobe

ein interview mit duane elgin
von carter phipps, zeitschrift "was ist erleuchtung?"
     www.wie.org/DE/                                                                                          www.awakeningearth.org                              

Unsere gesamte Zukunft könnte von unserer Antwort auf diese Frage abhängen : ob es uns gelingen wird, von einer spirituellen Perspektive aus auf die drängenden globalen Schwierigkeiten, denen unsere erwachende Spezies in dieser entscheidenden Krisenzeit unserer evolutionären Reise gegenübersteht, einzuwirken.

Meine erste Begegnung mit Duane Elgins Werk war -mit einem Wort gesagt- erschreckend.Als ich sein Buch "Promise Ahead:A Vision of hope and action for Humanity´s future" zur Hand nahm,stürzte ich beim Lesen der ersten Kapitel gleich Hals über Kopf in eine ausgesprochen klare, überzeugende und äusserst niederschmetternde Zustandsbeschreibung unserer ständig im Kampf stehenden Welt.

Während Elgin die beängstigenden ökologischen und sozialen Probleme darlegte,denen wir als eine sich entfaltende Spezies derzeit entgegensehen, entwickelten sich in meiner Fantasie alle möglichen Zukunftsszenarien, die Blade Runner und Waterworld weit mehr ähnelten als Star Trek oder The Jetsons. Doch ganz im Gegensatz zu diesem ersten Eindruck stellte ich schon bald fest, dass Elgin mit Leib und Seele Optimist ist. Wie sein gesamtes Werk, so ist auch "Promise Ahead" erfüllt von einer positiven Zukunftsvision, die das geistige Kind eines Menschen ist, der ganz offensichtlich grosses Vertrauen in das vielversprechende Potential der Menschheit setzt.

EIgin scheint sich jedoch durchaus darüber im klaren zu sein, dass Realismus der Preis ist, den wir alle heute zahlen müssen, wenn die Welt noch eine von Optimismus geprägte Zukunft haben soll. Mehr als fünfundzwanzig Jahre lang hat er den Zustand der Menschheit schonungslos unter die Lupe genommen und sich bemüht, unsere schlummernde Spezies mit der Wahrheit über unsere Lage wachzurütteln, damit wir endlich beginnen können, uns bewusst zu entwickeln. EIgin stand schlagartig im Rampenlicht der Öffentlichkeit, als er 1981 sein mittlerweile zum Klassiker avanciertes Werk Voluntary Simplicity herausbrachte, ein Buch, das eine Hinwendung zu einfacheren und ausgewogeneren Lebensweisen ins Bewussein rückte. Damals arbeitete er als Sozialwissenschaftler in leitender Position für das Stanford Research Institute, was ihm die seltene Gelegenheit bot, gerade im Entstehen begriffene Trends in der Gesellschaft zu beobachten und zu dokumentieren.

Die Ergebnisse dieser Arbeit bildeten die Grundlage sowohl für Voluntary Simplicity als auch für sein 1991 erschienenes Buch Awakening Earth: Exploring the Evolution of Human Culture and Consciousness. Letzteres war ein Versuch, die - so Elgin - ,,tiefere Natur und Richtung der menschlichen Reise zu verstehen". Es erforschte den Bewusstwerdungsprozess der menschlichen Spezies auf dem Weg zur Gestaltung einer gereiften globalen Zivilisation. In Awakening Earth spricht Elgin erstmals über unsere aktuelle globale Krise im Kontext der größeren evolutionären Reise unserer Gattung - ein kritisches Thema, das seither zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Arbeit geworden ist. Heute, als populärer Autor Redner und Aktivist, wendet Elgin ,,Zuckerbrot und Peitsche" an, um Individuen wie auch Institutionen zu ermutigen, nicht nur über die außergewöhnlichen Möglichkeiten, sondern ouch über die ernüchternden Gefahren unserer Zeit gründlich und ehrlich nachzudenken. Elgin betrachtet die spirituelle Reise als einen entscheidenden Faktor zur Lösung unserer Hauptprobleme, eine Reise, die seiner Meinung nach, mehr denn je sowohl eine individuelle als auch eine kollektive sein muss.

Als wir im vergangenen Sommer ein Exemplar seines Buches "Promise Ahead" erhielten, fanden wir darin eine von Elgin beigefügte Notiz mit der ebenso schlichten wie bedeutsamen Frage: ,,Wie sieht das Erwachen aus, wenn es in diese Welt einzieht?" Es ist Elgin bewusst, dass unsere gesamte Zukunft in der Tat von unserer Antwort auf diese Frage abhängen könnte, davon, ob es uns gelingen wird, von einer spirituellen Perspektive aus auf die drängenden globalen Schwierigkeiten, denen unsere erwachende Spezies in dieser entscheidenden Krisenzeit unserer evolutionären Reise gegenübersteht, einzuwirken.

WIE: Viele führende zeitgenössiche Denker, Futuristen, Wissenschaftler und Visionäre machen uns mahnend darauf aufmerksam, dass die vor uns liegenden zwei bis drei Dekaden eine Zeit der Prüfung für die menschliche Spezies werden, eine Periode der evolutionären Krisen, die erhebliche, vielleicht sogar katastrophale Veränderungen mit sich bringen wird. Würden Sie bitte beschreiben, was Ihrer Ansieht nach die Hauptkriterien dieser Krise sind? Was wird in den nächsten Jahren auf uns zu kommen?

DUANE ELGIN: Wir werden uns wohl mit dem Zusammentreffen einer ganzen Reihe starker Strömungen auseinandersetzen müssen - mit Klimaveränderungen, Artensterben, Bevölkerungswachstum und der Ausbreitung der Armut. All diese Faktoren haben sich getrennt entwickeln können, einzigartig an unserer Zeit aber ist, dass die Welt ein geschlossenes System geworden ist. Es gibt keinen Ort mehr, an den man entkommen könnte, und all diese machtvollen Kräfte beginnen sich nun gegenseitig zu beeinflussen und zu verstärken. Unsere Lage lässt sich vergleichen mit einem Satz von Gummibändern, die man so lange dehnt, bis die Grenze ihrer Elastizität erreicht ist - das ist der Punkt, an dem das System reißt. Für mein Gefühl haben wir momentan noch relativ viel Elastizität im Weltsystem. Doch in ein paar Jahrzehnten erwartet uns eine Zerreißprobe.

WIE: Was würden Sie jemandem erwidern, der sagt: ,, Von welcher Krise reden Sie eigentlich? Okay, es mag ja so manches in der Welt im Argen liegen, aber so düster sieht die Lage nun doch wieder nicht aus. Ich bin sicher, dass wir sie in den Griff bekommen. Keine Sorge, wir kriegen das schon hin." Wie würden Sie so jemanden davon überzeugen, dass die Situation dringlich ist und dass wir uns ihr unmittelbar stellen müssen

DE: Sehen wir uns diese Strömungen einmal nacheinander an. Da haben wir zunächst die Klimaveränderung. Ich denke, es ist klar, dass sie allein schon die gesamte Situation in der Welt verändern kann. Die Kohlendioxidwerte beispielsweise stehen seit jahrtausenden in enger Wechselbeziehung mit der Höhe der Temperatur und schwankten während der letzten zwanzig Millionen jahre zwischen 170 und 300 Anteilen pro Million. Doch jetzt bewegen wir uns außerhalb dieser Spanne. Wir stehen bei ungefähr 380 ppm beim C02, was bedeutet, dass wir eine Situation geschaffen haben, die jenseits dessen liegt, was in den letzten 20 Millionen Jahren vorkam, einem Zeitraum, in dem es immerhin sowohl enorme Schwankungen in der Vergletscherung, als auch globale Erwärmungen gegeben hat. Und trotz alledem schießen die C02-Werte, die wir in die Atmosphäre ausstoßen, immer noch in die Höhe.
Betrachten wir nun einmal die Eiskerne Grönlands, die präzise Anzeiger für Klimaveränderungen sind. An ihnen lässt sich erkennen, dass vor 120.000 jahren die letzte große Eiszeit wissenschaftlichen Annahmen zufolge binnen zweier jahrzehnte zu Ende ging. Nicht im Laufe von Jahrhunderten, nein, grob geschätzt innerhalb von nur zwanzig Jahren! Wir erschaffen also eine äußerst kritische Lage.
Doch meine Hauptsorge gilt nicht so sehr der globalen Erwärmung und dem damit verbundenen Anstieg der Ozeane, sondern vielmehr den sich ändernden Verhaltensmustern des Wetters -also etwa: wann, wo, wieviel Niederschlag fällt. Sollte es da zu radikalen Veränderungen kommen, dann wird es uns nicht gelingen, die globale Landwirtschaft den neuen klimatischen Verhältnissen anzupassen. Parallel zu diesen dramatischen Klimaveränderungen werden wir rund zwei bis drei Milliarden Menschen mehr in die Welt gesetzt haben, was monatlich der Einwohnerzahl von Los Angeles entspricht.
Wir belasten die Erde durch ein rasantes Bevölkerungswachstum, obwohl wegen der simultanen Klimaveränderungen der Anbau von genügend Nahrung nicht mehr gewährleistet ist. Hinsichtlich der natürlichen Ressourcen wird geschätzt, dass in den 2020er Jahren 40% der Weltbevölkerung nicht genug Wasser haben werden, um ihre eigene Nahrung anbauen zu können. Die meisten von ihnen werden in den ärmsten Teilen der Erde leben, sie werden in die Megastädte der Entwicklungsländer gezogen sein und dort in Slums ihr Dasein fristen. Wir können dann weitere Einwirkungen aufzählen, wie beispielsweise das Artensterben. Schätzungen zufolge werden nicht weniger als 20% aller Pflanzen- und Tiergattungen binnen der nächsten dreißig Jahre und die Hälfte in den kommenden einhundert Jahren ausgerottet worden sein.
Präziser ausgedrückt sind, jüngsten Berichten der World Conservation Union zufolge, rund 25% aller Säugetiere, 12% aller Vögel, 25% aller Reptilien und 30% aller Fische vom Aussterben bedroht. Wir zerren an der Struktur der Biosphäre, während wir sie gleichzeitig mit Klimaveränderungen und weiterem Bevölkerungszuwachs belasten und zudem die Verfügbarkeit lebenswichtiger Ressourcen wie beispielsweise die des Wassers verschlechtern.

Und schließlich kommen wir zu einem letzten großen Faktor, der Armut, die so ungeheuer gewaltig in dieser Welt ist. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung davon, bis ich neulich auf einer Indienreise ihr erschreckendes Ausmaß erkannte. In den Vereinigten Staaten liegt die Armutsgrenze bei 11 Dollar pro Person und Tag. Reduzieren wir nun diese Grenze um drei Viertel und setzen sie bei drei Dollar pro Person und Tag an. Wieviel Prozent der Weltbevölkerung müssen mit weniger als drei Dollar täglich auskommen? Antwort: 60%! Das bedeutet, 60% aller Menschen können sich Dinge, die zum Grundbedarf zählen, wie Schuhe, Bücher, Brillen, Aspirin, Vitamine und so weiter, die zu Weltmarktpreisen gekauft werden müssen, nicht leisten. Andererseits besitzen selbst die Ärmsten in den Dörfern Indiens oder Brasiliens ein Fernsehgerät, durch das sie live und in Farbe Lebensweisen begegnen, die für sie selbst unerreichbar sind. Historisch betrachtet sind genau das die Vorraussetzungen für eine Revolution.

Dies sind also die, wie ich sie nenne, widrigen Tendenzen. Man könnte noch vieles ansprechen: den Abbau der Ozonschicht, die Überfischung der Ozeane, die Abholzung der Wälder und so weiter. Ich denke, es ist klar geworden, dass es sich hier nicht lediglich um bedenklich gefährliche Einzeiström ungen handelt, sondern dass wir vielmehr, angesichts der Dynamik ihres gleichzeitigen Auftretens, im Laufe der nächsten Jahrzehnte vor einer nie da gewesenen globalen Krise stehen werden. Dann wird etwas Unvorstellbares geschehen, vor dem wir zur-zeit noch die Augen verschließen können. Doch in den nächsten zwanzig Jahren wird eine Krise des gesamten Systems die unausweichliche Realität sein, der wir uns dann stellen müssen. Wir Menschen werden an jenem Punkt entweder als eine Eamilie gemeinsam an einem Strang ziehen und, wie ich glaube, einen evolutionären Sprung bewirken, oder aber alles auseinanderreißen und dadurch einen evolutionären Kollaps auslösen. In letzterem Eall wird unserer Evolution ein wahrhaft finsteres Zeitalter bevorstehen.

WIE: Sie erwähnen in Ihrem Buch aber auch einigefür unsere kollektive Evolution verheißungsvolle Entwicklungen und Möglichkeiten. Welche sind das, und wie könnten sie Ihrer Meinung nach unsere nahe Zukunft beeinflussen?

DE: Ja, ich denke, es gibt ebenso eine ganze Reihe günstiger Strömungen in unserer Welt, die stark genug sind, das, was sich zu einem dramatischen Zusammenbruch der Evolution entwickeln könnte, in einen evolutionären Sprung umzuwandeln. Da ist zunächst einmal unser Wahmehmungsvermögen, durch das wir in der Lage sind, das Universum als ein lebendiges System zu erkennen. Das zweite ist unsere Eähigkeit, zu wählen, uns für eine andere Lebensweise entscheiden zu können. Ein weiteres Potential liegt in unseren Mögliebkeiten der Kommunikation. Wir könnten all unsere genialen Kommunikationsmedien für Ziele einsetzen, die weit über ihre derzeitigen kommerziellen Zwecke hinausgehen. Und viertens gibt es da noch die Macht der Liebe, die Eähigkeit, den Geist der Versöhnung und der Harmonie in unsere vielgestaltigen Beziehungen einzubringen. Man könnte jeden dieser Aspekte detailliert betrachten, doch vor allem gemeinsam haben sie ein ausgesprochen starkes Potential, die Welt zu transformieren.

WIE: Könnten Sie dennoch bitte jeden einzelnen Aspekt kurz umreißen?

DE: Da haben wir als erstes die Idee von einem lebendigen Universum. Bisher hielten die Wissenschaften das Universum in seinen Grundelementen für unbelebt, doch interessanterweise finden wir in den wissenschaftlichen Grenzbereichen derzeit heraus, dass das Universum sich ganz wie ein lebendiger Organismus verhält. Es gibt in der Physik jetzt die Theorie der Nichtlokalisierbarkeit, das heißt, nichts im All ist räumlich abgegrenzt bestimmbar, weil im Universum trotz seiner enormen Dimensionen alles miteinander verbunden ist. Die Physiker sagen auch, dass es am Ursprung des Universums gewaltige Mengen Energie, die sogenannte Nullpunktenergie, gebe. Zudem scheint es auf allen Ebenen des Universums Bewusstsein zu geben, von der atomaren Stufe an aufwärts bis zu uns Menschen (das Verhalten von Elektronen, zum Beispiel, lässt den Schluss zu, dass diese einen eigenen ,, Verstand" haben). Das Universum hat folglich alle Merkmale eines lebendigen Organismus. Leben existiert innerhalb von Leben. Das ist ein unglaubliches Wunder, und seine allmähliche Entdeckung wird, meiner Meinung nach, all unsere geistigen Vorstellungen von uns und unserem Lebensweg grundlegend verändern. So etwas wirkt transformierend.
Die Idee und die direkte Erfahrung eines lebendigen Universums stellt unsere Ansichten darüber, wer wir sind und wohin wir gehen, in einen vollkommen neuen Zusammenhang. Ein weiterer positiver Trend zeigt sich in der Hinwendung zu einer einfacheren, die Erde weniger belastenden Lebensweise, die eher von einem neuen Gespür dafür, worin echte Befriedigung liegt, motiviert ist, als von der Opferbereitschaft der Menschen. Was sich derzeit in der Welt manifestiert, nenne ich ,,den Garten der Einfachheit". Manche Leute üben sich in einer haushälterischen Einfachheit, indem sie ihre Ausgaben verringern und die Auswirkungen ihres Konsums auf die Erde reduzieren. Sie beschließen, wie Gandhi es formulierte, einfach zu leben, damit andere ein-fach leben können. Wieder andere praktizieren eine ,,politische Einfachheit", weil sie der Ansicht sind, dass wir unser gemeinschaftliches Leben auf eine Weise gestalten müssen, die es uns ermöglicht, sorglos und dauerhaft auf der Erde zu leben - und das bedeutet Veränderungen im Transport- und Bildungswesen, in den Medien und so weiter.
Es gibt auch eine, wie ich es bezeichne, ,,seelenvolle Einfachheit", eine Herangehensweise, die das Lcben als Meditation betrachtet und das Erleben inniger Verbundenheit mit der gesamten Existenz pflegt. Es ist offenkundig, dass sich derzeit eine völlige Veränderung in der Geisteshaltung vollzieht. In den Vereinigten Staaten von Amerika beispielsweise erfahren, vorsichtigen Schätzungen zufolge, 10% der Erwachsenen, das sind zwanzig Millionen Menschen, gegenwärtig eine innere Veränderung zu einer mehr erlebbaren Spiritualität und nach außen eine ökologisch orientierte Hinwendung zum Leben. Zusammengenommen könnten diese Veränderungen die widrigen Tendenzen in günstige Gelegenheiten umwandeln.

Die dritte bedeutsame Strömung ist die Revolution des Kommunikationswesens, dessen Einfluss auf die Welt schon heute erkennbar ist. Ich habe keine Ahnung, ob wir unsere Massenmedien zukünftig für positive, transformierende Zwecke einsetzen werden, oder ob sie uns einfach vereinnahmen und die ganze Welt in Konsumenten verwandeln werden. Es liegt bei uns Bürgern, dafür zu sorgen, dass unsere Kommunikationstechnologien für erhabenere Absichten genutzt werden.

WIE: In Ihrem Buch sehen Sie eine Verbindung zwischen der Geschichte der menschlichen Evolution und unserer Fähigkeit zu kommunizieren.

DE: Ja, ich sehe in unserer Fähigkeit zur Kommunikation den Grund dafür, dass wir, die einstigen Jäger und Sammler, bis an die Grenze der Zivilisation auf diesem Planeten gelangt sind. Und sie wird es auch sein, die den Bestand unserer Spezies nachhaltig gewährleisten kann. Die vierte positive Strömung, die ich erkennen kann, ist die der Versöhnung. Betrachtet man das Wesen der Gewalt und der Konflikte in der Welt, so scheint es sich derzeit von einer pubertären, reaktiven Erscheinungsform in eine gereiftere, von gemeinsamen Verhandlungen geprägte zu verwandeln. Wir erkennen allmählich den hohen Preis für unsere Feindseligkeit. In Südafrika, zum Beispiel, wurde die Politik der Apartheid von einer neuen Regierung abgelöst. Was für eine außerordentliche Veränderung! Auch in Nordirland machen die Friedensbemühungen erste Fortschritte. Im Nahen Osten war man ebenfalls einander näher gekommen, und jetzt müssen die Menschen erleben, wie schmerzhaft es ist, diese Chance verpasst zu haben. Es scheint sich ein gereifteres Bewusstsein in der Welt heranzubilden, das das Potential von Liebe und Versöhnung als grundlegend für eine gemeinsame Zukunft auf diesem kleinen Planeten erkennt. Es geht um die Aussöhnung zwischen ethnischen Gruppen, Rassen und den Geschlechtern, um Fragen der Einkommensverteilung, um die Beilegung von Generationskonflikten und auch um eine neuerliche Annäherung an andere Lebewesen, von denen wir uns abgesondert hatten - Versöhnung hat viele Dimensionen.

WIE: Sie sagten bereits mehrfach, so auch in Ihrem Buch, dass unsere gegenwärtige Krise Ihrer Ansicht nach eine Krise der Spiritualität oder des Erwachens ist. Würden Sie uns bitte erklären, weshalb für Sie die spirituelle Reise unauflösbar mit unserem kollektiven Gelingen oder Scheitern als eine sich entwickelnde Spezies verbunden ist?

DE:Wir stoßen derzeit nicht nur an eine physische, die Umwelt betreffende Grenze, sondern auch an eine evolutionäre Grenze unseres traditionellen Selbstbildes als Spezies, an das Ende unserer Identifikation als Nation, Rasse und ethnische Gruppe. Wir müssen unsere umfassendere Geschichte als menschliche Familie finden. Und indem wir nach einer Identität als Spezies in einem erweiterten Kontext streben, sind wir aufgefordert, uns auch auf der sogenannten spirituellen Ebene umzusehen.

WIE: Was meinen Sie mit ,,unserer umfassenderen Geschichte als menschliche Familie"?

DE:Ich meine, nun, wer sind wir denn? Was tun wir hier und wohin gehen wir? Was ich mit unserer umfassenderen Geschichte sagen will, ist sehr schön in dem Namen, den wir selbst uns als Spezies selbst gegeben haben, zusammengefasst: Homo sapiens sapiens. ,,Sapiens" heißt weise, ,,sapiens sapiens" bedeutet demnach, doppelt weise zu sein. Wir sind per definitionem die Gattung, die weiß, dass sie weiß. Um also unserem selbstgewählten Namen Homo sapiens sapiens, unserer Fähigkeit, doppelt weise zu sein, gerecht zu werden, müssen wir unseren Platz in diesem lebendigen Universum finden. Das wird das Wesen unserer Reise als Menschen völlig verwandeln. Dann werden wir uns selbst fragen: Werden wir unserer Fähigkeit zu besonderer Weisheit gerecht, dienen wir dem Wissen, dass wir wissen, oder anders ausgedrückt: dem Erwachen? Und kann sich die Kultur parallel zu diesem erwachenden Bewusstsein entwickeln? Wenn dem so ist, wie können sich Kultur und Bewusstsein so entfalten, dass sie unser kollektives Erwachen bestmöglich unterstützen? Dies wird unsere neue Tagesordnung, und all die Themen, mit denen wir uns derzeit auseinandersetzen, erscheinen dann in einem völlig anderen Kontext.

WIE: Was muss Ihrer Meinung nach auf praktischer Ebene geschehen, um solche Veränderungen zu ermöglichen? Wie können wir diese evolutionäre Prüfung bestehen?

DE: Da muss natürlich so einiges passieren, aber worauf es letztendlich hinausläuft, das sind meines Erachtens Gespräche. Der Stoff unseres Lebens ist aus unseren Gesprächen und Geschichten gewebt. Ob in Wohnzimmern, Sitzungssälen oder Schulklassen, wir, als Einzelne, müssen über all die widrigen und die positiven Strömungen und über die Initiation, die wir gerade durchleben, Gespräche führen. Wir müssen uns dessen, was hier geschieht, bewusst werden. Wir brauchen persönliche Gespräche, um das neue Wissen in unserem eigenen Leben zu verankern und parallel dazu durch die Massenmedien übertragene Gespräche auf gesellschaftlicher Ebene, damit wir Menschen erkennen, dass es neben der Konsumwelt noch eine ganz andere Welt gibt, auf die wir ebenso unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Solche, wie ich sie nenne, reflektierenden Gespräche auf lokaler wie auf gesellschaftlicher Ebene, könnten meiner Meinung nach schnell zu einem funktionierenden Konsens führen, durch den wir auf neuen Gleisen einer dauerhaften, wesentlich befriedigenderen Zukunft entgegenstreben würden. Aber Bewusstsein, Aufwachen, das ist der Schlüssel.

WIE: Wie kann man deutlich machen, dass hinsichtlich der Entwicklung unseres kollektiven Bewusstseins die Zeit drängt?

DE: Wir können entweder abwarten, bis die Umstände uns so hart zusetzen, dass wir aufwachen, oder wir können den Informationsfluss erheblich verbessern, indem wir über Probleme wie Artensterben, Klimaveränderungen, Ressourcen-Raubbau und Armut in den Massenmedien berichten und sie so in unser Bewusstsein rücken. Derzeit werden diese Themen geradezu aus den Medien ausgeschlossen. Wir werden als Konsumenten angesehen, die Unterhaltung wünschen, nicht als Bürger, die informiert werden wollen. Ein sehr potentes Mittel, dies zu ändern, wäre, für Sendungen, die einerseits unsere heikle Lage und andererseits auch all die wunderbaren Möglichkeiten, die da draußen auf uns warten, thematisieren, mehr Zeit im Äther zur Verfügung zu stellen. Das wäre das Gleiche, wie unseren menschlichen Geist, unser kollektives Bewusstsein zu erweitern.

WIE: Man könnte die spirituelle Reise als den Weg von einer selbstsüchtigen, egozentrischen Perspektive zu einer stetig wachsenden Fürsorge und Verantwortung für immer höhere Dimensionen des Lebens, als Ganzes genommen, betrachten. Wie dem auch sei, die tieferen Regionen des spirituellen Pfades auf eine Weise zu durchsehreiten, die wirklich von einer egozentrischen Welt-sicht befreit, wurde seit jeher für ein mühsames Unterfangen gehalten, das demjenigen, der den Weg der Transformation gehen will, eine vollkommene Verbindlichkeit abverlangt. Die Welt braucht ohne Zweifel spirituell gereifte, mündige Menschen, gerade diese scheinen aber Mangelware zu sein. Wenn Sie einerseits die drängenden Forderungen unserer kollektiven Krise sehen und andererseits die respekteinflöfende Größe der Aufgabe, vor die eine echte spirituelle Transformation uns stellt, woher nehmen Sie das Vertrauen und die Hoffnung, dass die von Ihnen ausgemalte Transformation in einer signifikanten Anzahl Individuen und/oder Gesellschaften tatsächlich stattfinden wird?

DE: Während der vergangenen fünf oder sechs Jahre bin ich um die Welt gereist. Das bot mir die Möglichkeit, Menschen aller Art und bei den verschiedensten Gelegenheiten folgende Frage zu stellen: Wenn Sie die gesamte Menschheit als ein Einzelwesen betrachteten, wie alt wären wir dann? Verhalten wir uns eher wie ein Kleinkind, ein Teenager, ein Erwachsener oder eine ältere Person? Zu meiner großen Überraschung hatten alle Menschen die Frage sofort begriffen und mit überwältigender Mehrheit geantwortet, dass wir als Spezies derzeit im Teenageralter sind. Daraufhin befasste ich mich näher mit der Psychologie des Jugend-alters, und siehe da, Jugendliche neigen zu rebellischem Verhalten -wir lehnen uns gegen die Natur auf. Sie halten sich für unsterblich und benehmen sich, als würden sie auf ewig in ihrer gegenwärtigen Form weiterbestehen - ebenso leben wir unter Missachtung der Langzeitfolgen unseres Verhaltens. Jugendliche machen viel Aufhebens um das äußere Erscheinungsbild - und bitte sehr, da haben wir sie, unsere materialistische, konsumorientierte Kultur! Es lässt sich eine ganze Reihe von Parallelen zwischen dem Verhalten von Teenagern und dem der gesamten Menschheit feststellen. Ich selbst habe drei Söhne, alle Ende zwanzig, die ich ihrem pubertären Benehmen habe entwachsen sehen. Heute kümmern sie sich aufrichtig um ihre Familien, ihre Zukunft, ihre Arbeit und ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn es uns nun gelänge, als Menschheit diesen einfachen Wechsel vom jugendlichen Bewusstsein zu dem eines jungen Erwachsenen zu vollziehen, dann wäre das Ergebnis organisch, ganz natürlich und sicher recht erstaunlich. Mein Vertrauen rührt also daher, dass die Menschen meine Frage nach dem Alter der Menschenfamihe so spontan und begeistert mit ,,Teenageralter~' beantwortet haben. Für mich deutet das darauf hin, dass ein sehr normaler, organischer Entwicklungsund Wachstumsprozess im Gange ist. Wir nähern uns unserer natürlichen Möglichkeit des Erwachens und treten als Spezies in die Phase der frühen Reife ein, und ich habe großes Vertrauen in die Integrität des Universums, in unsere Integrität als Menschheit und in unsere Lebensreise.

WIE: Soziale Aktivisten haben die spirituelle Suche oft heftig als allzu narzisstisch kritisiert, da sie sich nur um den Finzelnen drehe, gesellschaftlichen Belangen jedoch gleichgültig und uninteressiert gegenüberstehe. Dagegen vertreten spirituelle Meister von jeher die Meinung, dass nur die Transformation des Individuums gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann. Ein Zitat des hoch angesehenen spirituellen Meisters J. Krishnamurti lautet; ,,Was du bist, ist die Welt. Und ohne deine Transformation kann es keine Transformation der Welt geben.' Die Frage ist vielleicht so alt wie das spirituelle Leben selbst; Verändere ich die Welt, oder verändere ich mich selbst? Wie sehen Sie hinsichtlich unserer evolutionären Krise die Rolle der individuellen Entwicklung im Vergleich zu einer kollektiven Veränderung? Wohin sollen die Menschen, die einerseits deutlich den inneren Ruf nach spiritueller Entwicklung vernehmen, die sich aber auch verantwortungsvoll um den Zustand der Welt sorgen, ihre Aufmerksamkeit und Fnergie hinlenken?

DE: Meinem Gefühl nach sollte ein paralleler evolutionärer Prozess stattfinden. Wir dachten, wir könnten uns von der Welt befreien und uns nur noch unserem personlichen Erwachen widmen. Es ist zwar wunderschön, im Rahmen der alten spintuellen Traditionen zu erwachen, doch es ist auch sehr wichtig, diese in unsere moderne Welt zu integrieren. Zwischen dem Geistigen und dem Weltlichen, dem Bewusstsein der Spezies und ihrem Körper sozusagen, müssen Brücken geschlagen werden. Die alten spirituellen Traditionen könnten die heutigen Massenmedien als einen Ausdruck unseres kollektiven Bewusstseins betrachten und mittels der Einsichten aus ihren Lehren diese Massenmedien in einen erleuchteteren, gesünderen Ausdruck unseres gemeinschaftlichen Geistes verwandeln, doch das geschieht nicht. Jedenfalls hört man nichts darüber. Dabei sind die Massenmedien ein sehr wirksames Werkzeug, um die in persönlicher Mcditationspraxis gewonnenen Einsichten in unsere kollektive Praxis, als gesamte Gesellschaft aufmerksam zu sein, einzubringen. Im Buddhismus gibt es beispielsweise eine ganze Liste von Elementen, die zu Erleuchtung und geistiger Gesundheit gehören, wie Konzentrationsvermögen, Achtsamkeit, Gleichmut und so weiter.
Wenden wir diese nun auf unsere gesamte Zivilisation an und betrachten einmal das Fernsehen als augenscheinlichste Manifestation des Bewusstseinszustandes unserer Spezies. Nutzen wir das Fernsehen, um Achtsamkeit zu üben? Nein, wir beschränken uns selbst auf eine sehr dürftige, engstirnige und konsumonentierte Sicht der Welt. Wir sind praktisch von der Welt getrennt. Wir verstehen diese ausgedehnten widrigen Strömungen gar nicht, die sich so stark auf uns auswirken. Nutzen wir das Fernsehen, um die Fähigkeit zu gemeinsamer Konzentration auf wichtige Wahlmöglichkeiten auszubilden? Keineswegs, wir pflegen stattdessen Zerstreuung und Zersplitterung. Oder nutzen wir das Fernsehen, um unser soziales Gehirn, um Gleichmut zu kultivieren? Im Gegenteil, in sehr vielen Femsehproduktionen werden vielmehr kollektive Aufregung und Unruhe geschürt. Worauf ich hinauswill ist, dass ein erwachter Geist, ungeachtet der spirituellen Tradition, allgemein gültige Qualitäten aufweist, die wir als Menschheit kultivieren müssen, um überhaupt in der Lage zu sein, mit unseren ernsten Schwierigkeiten umzugehen. Wir entdecken meiner Meinung nach allmählich, dass wir im Bewusstsein unserer Spezies tief versunken sind und dass dieses derzeit nicht besonders wach ist. Doch diejenigen, die bereits wach sind, empfinden das Leiden, die Anspannung und den Druck unseres kollektiven Geistes, der sich bemüht zu erwachen. Es ist wichtig, dass jene, die an ihrer eigenen Wachsamkeit arbeiten, auf diesen Geist unserer Spezies achten und erkennen, dass sie Wegbereiter in einem umfassenderen Streben, einem größeren Prozess des Erwachens sind. In vielerlei Hinsicht ist dies die Aufforderung zur Entwicklung der gesamten Spezies, hervorgerufen durch diese Zeit der Initiation, dieses Ritual des Übergangs von einer individuellen Reise zu einer in Gemeinschaft mit allem übrigen Leben, mit anderen Menschen und mit dem kollektiven Geist der Menschheit.

WIE: Könnten Sie bitte erklären, wie das Erkennen unserer Fähigkeit, doppelt weise zu sein, es uns ermöglicht, unseren Platz im Universum zu entdecken?

DE: Zunächst einmal ist es sehr wichtig, die Strukturen der Natur zu betrachten, um unsere evolutionäre Reise verstehen zu können. Wenn wir in gleicher Richtung mit der Natur gehen, dann wird unsere evolutionäre Reise meines Erachtens viel leichter und reibungsloser verlaufen. Beobachtet man die Natur, egal ob auf atomarer, menschlicher oder galaktischer Ebene, so erkennt man eine gemeinsame Signatur, eine Gestalt, die in statischem Zustand die Form eines Reifens hat und im dynamischem als Wirbelsturm oder Strudel erscheint. Dieses Torus genannte Gebilde ist die einfachste Form eines sich selbst organisierenden Systems. Atome und auch Galaxien haben diese Struktur. Ich schlussfolgere daraus, dass das Universum auf allen Ebenen ein zentrales Projekt verfolgt, die Erschaffung sich selbst organisierender Systeme. Also, Homo sapiens sapiens deutet auf die Fähigkeit, bewusst selbstorganisierend zu sein. Wenn du weißt, dass du weißt, dann bist du in der Lage, dich selbst zu zentrieren, zu organisieren und dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ein vollendeter Homo sapiens sapiens zu werden, bedeutet die Erfüllung dessen, worum es im Universum geht. Wie es sich herausstellt, haben wir uns selbst einen Namen gegeben, der in perfekter Übereinstimmung mit der Erfüllung des Sinns des Universums ist.

WIE: Sie haben über unseren Sinn und Zweck auch in einer explizit spirituellen Sprache geschrieben, wobei Sie darauf hingewiesen haben, dass ein Teil der menschlichen Reise darin bestehe, herauszufinden, wer wir auf einer seelischen Ebene, weit jenseits der physischen Grenzen unseres Körpers, sind. Im evolutionären Prozess können wir uns selbst letzten Endes als einen, wie Sie es formulierten, ,,Körper des Lichts und des Wissens" erkennen. Was meinen Sie mit diesem ,,Körper des Lichts und des Wissens"? Und halten Sie ihn für den Endpunkt der menschlichen Evolution?

DE: Die Physik betrachtet das Photon, also das Licht, als den Grund-baustein dieser Realität. Das bedeutet, dass wir bereits in einer ökologischen Umwelt des Lichts existieren und dass wir schon jetzt Wesen des Lichts sind. Nur herrscht hier ziemlich dichter Nebel. Man könnte von daher sagen, dass der Endpunkt der Evolution, so gesehen, bereits vor uns liegt. Das Erwachen, die Vollendung unserer Fähigkeit, zu wissen, dass wir wissen, wird häufig beschrieben als ein Bad in einem von unermesslicher Weisheit und Mitgefühl erfüllten Licht. Ich spüre, dass wir schon jetzt, inmitten dieses lebendigen Universums, in dieses Licht getaucht sind. Die Evolution ist bestrebt, dass dieses Licht in uns hineinströmt und dann aus uns heraus in der Welt zum Ausdruck kommt. Ist das dann der endgültige Schlusspunkt der Evolution? Ich denke, nicht. Ich halte etwas viel Außergewöhnlicheres für wahrscheinlich: Wenn wir den Kernpunkt des Wissens, dass wir wissen, erreicht haben, dann wird das erst der Anfang der Evolution sein. Wenn wir erst einmal im tieferen Empfinden unseres Selbst gefestigt sind, dann können wir als bewusste, aktive und schöpferische Teilnehmer in die tiefen Ökologien der ewigen Wahrheiten eintauchen. Statt Endpunkt sollte man also eher Beginn sagen. Ich halte den Kosmos für einen Ort, an dem Lebensformen ungehindert Wissen über sich selbst erlangen können. Die Fähigkeit des Menschen, doppelt weise zu sein, markiert den Beginn einer völlig neuen Phase der Evolution..

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copyright ©Duane Elgin

 


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