
Während des Transformationsprozesses gibt es tiefgehende Veränderungen
in der Qualität der Hoffnung.
Hoffnung in ihrer bisherigen Form ( z.B. Hoffnung auf die Fortsetzung seiner Existenz ) wird weggewaschen wie die sich auflösenden Buchstaben eines Gebets auf einem Sandstrand. Im Auf- und- Ab während der Zerreissprobe einer tödlichen Krankheit ist es schwer, zu sagen, ob die Hoffnung weggenommen oder aufgegeben wird. Hoffnung an sich wird schwierig. Der Mensch wird zerrissen zwischen dem Verlangen zu leben und der Angst, dass das nochmalige Zulassen von Hoffnung nur noch mehr Unglück erzeugen wird, wenn die Behandlung wieder versagt. Wie ein Sterbender sagte: Die Verzweiflung kann ich aushalten. Es ist die Hoffnung, die ich nicht ertragen kann.
Hoffnung ist verwirrend und zweischneidig. "Sollte ich es einfach akzeptieren, dass ich sterbe?" " Sollte ich den Kampf aufgeben?" " Wollen die Menschen, die mich lieben, nicht, das sich einen Kampf beginne?"
"Was sagt es über mich, falls ich mich nicht an die Hoffnung klammere?" " Was wid geschehen, falls ich nicht an der Hoffnung festhalte?" " Wie kann ich mich an der Hoffnung festhalten, wenn es der Wirklichkeit ins Gesicht schlägt ?" "Bin ich ein Aufgeber?" "Sollte ich stärker hoffen?" " "Worauf sollte ich hoffen?" Menschlich zu sein bedeutet, diese Fragen zu stellen. Solche Fragen spiegeln die Zweifel und Ängste wieder, die natürlicherweise in unserem verlorenen und dahintreibenden Zustand an der Peripherie aufsteigen, abgeschnitten vom Zentrum, unserer essentiellen Natur.
Hoffnung ist in unserer Kultur genauso verwirrt wie das Konzept von Gerechtigkeit.
Beide sind eine völlig menschliche Kreation, emotionsgeladene Vorstellungs- Bruchstücke des sich getrennt fühlenden Selbst. Beide Konzepte, Hoffnung und Gerechtigkeit, sind im mentalen Ego verwurzelt. Beide stellen Gott als etwas da, das völlig " der Andere" ist. Beide steigen in Situationen auf, die jenseits der Kontrolle des Einzelnen sind, und beide bitten die Vorstellung eines Gottes als etwas Größeres als das Individuum, das wahrscheinlich alles kontrolliert, sich den Wünschen des Individuums zu beugen, so dass das Individuum weiterhin alles kontrollieren kann.
Da es keine Realität hat, trägt sich die Belastung, "nicht die Hoffnung zu verlieren", schliesslich ab.
Wie ein Schirm, der in einem starken Sturm zu oft geöffnet wurde, bietet die Hoffnung keinen Schutz mehr, und man kann nicht mehr länger so tun als ob. Hoffnung wird schliesslich im Lauf der Transformation einer tödlichen Krankheit als das erkannt, was es ist: ein Anklammern an einen Wunsch nach etwas anderem als dem, was ist.
Wenn sich die Hoffnung auflöst, verbleiben wir mit dem Hier und Jetzt. Hoffnung, eine Haltung des mentalen Ego, wird in Präsenz transformiert, einer Haltung der Seele.

Der Tod fängt unsere Aufmerksamkeit ein und richtet sie zurück auf die Gegenwart.
Heilung entfaltet sich automatisch und natürlich aus der Gegenwart.
Eine tödliche Krankheit ist eine Situation ohne Ausgang, abgesehen von dem der Selbsttötung.
Es gibt keinen Ausweg. Der Zustand ohne Ausweg konzentriert die Aufmerksamkeit; sie erzwingt Wachsamkeit.
Eine tödliche Krankheit zwingt uns, viele wahrscheinlich zum ersten Mal, nach innen zu schauen.
Es könnte sehr gut die einzige Erfahrung sein, die stark genug ist, um die meisten von uns zu zwingen, uns anzuschauen, wer wir zu sein glauben, und was wir darüber denken, worum es in diesem Leben überhaupt geht.
In diesem Sinne könnte man sagen, dass uns eine tödliche Krankheit zur Gnade führt. Es bringt uns auf eine Weise mit uns selbst in Berührung, wie es keine Stolperschritte der lebenslangen Versuche , ein Selbstbildnis aufrechtzuerhalten, geschafft haben. Es löst eine Überprüfung dessen aus, was versucht, uns vor dem Leben zu schützen.
Der Sterbeprozess drängt darauf, dass wir achtsam sind, dass wir präsent sind mit der Moment- zu- Moment Erfahrung des" Lebens mit einer völligen Katastrophe", wie Jon Kabat- Zinn es nennt, so wie die meisten von uns noch nie vorher präsent waren. Mit wachsender Achtsamkeit, mit täglich erzwungener Begegnung mit Angst und neuem Verlust, kommt Desidentifikation. Die Welt, so wie man sie sich immer vorgestellt hatte, wird ent-wirklicht.
Die Bewegung in den gegenwärtigen Moment bringt Veränderungen in der Identität, Veränderungen in den bekannten und erfahrenen Bewusstseinsebenen mit sich. Gleichzeitig aufsteigend geschehen Veränderungen in der Bedeutung. Bedeutung ist ist eine machtvolle Psychodynamik in der Transformation von der Tragödie zur Gnade.
Bedeutung ist die Zuordnung eines sinnvollen Kontext zu dem erfahrenen Leiden.
Es ist ein bedeutungsvoller Aspekt der Persönlichkeit, und, wie Victor Frankl es ausdrückt, kämpft jeder von uns um eine Bedeutung im Chaos unseres Leidens. Unsere Fähigkeit, intuitiv eine Bedeutung zu finden, die einen Wert hat, Tiefe und Wirklichkeit, steht direkt in Beziehung zu der Mühelosigkeit unserer Transformation.
Wir sterben heutzutage in einer Weltära des Übergangs mit wenigen Vorbildern von Bedeutung. Wo verschiedene andere Kulturen tiefe und spirituelle Anleitung für diese zutiefst bedeutungsvolle Passage angeboten haben, werden wir auf unserem Weg von medizinischem und Hospiz- Personal begleitet, den weltlichen Begleitern im Sterben in unserer Kultur. Anstelle von Gebet und Chanten haben wir genau so wahrscheinlich einen lautstarken Fernseher und die rauhen Geräusche einer Lautsprecher- Anlage im Krankenhauses um uns.
Es ist fast unmöglich, an der Peripherie des Lebens Klarheit zu finden für Einsichten in den tiefen Prozess, der im Zentrum stattfindet. Unsere kulturellen Scheuklappen für die spirituelle Welt, für die transpersonalen Bereiche, haben uns ihrer Bedeutung beraubt zurückgelassen, einsam kämpfend mit dem Chaos des psychischen Verfalls und der physischen Auflösung. Wirklich, mein Herz ist voller Mitgefühl für die Mitglieder dieser Gesellschaft in ihrer Begegnung mit dem Tod.
Wir als Mitglieder einer spirituell verarmten Kultur haben darin versagt, einen angemessenen Kontext sowohl für unser Leben als auch unser Sterben zu erschaffen.
Bedeutung, die uns helfen kann, Leiden mit fruchtbaren Ergebnissen zu ertragen, verändert sich durch die ablaufenden Muster des geistigen Abbaus und Neuaufbaus. Anfänglich wird die Bedeutung des Leidens in einer tödlichen Prognose durch die Augen einer Identität, einer Persona ( Maske) gesehen, die noch nicht einmal ihren eigenen Schatten anerkennt hat. Ich habe erlebt, auf wie verschiedene Weise die tödliche Prognose gesehen wird. Ziemlich viele sehen ihre tödliche Prognose als Bestrafung, die schon länger als Vergeltung für selbst beurteilte Fehltaten befürchtet wurde. Einige sehen die tödliche Prognose traurig und erschüttert als eine Aussage des Lebens über ihren Mangel an individuellem Wert in diesem Universum. Manche sehen es als hartes Schicksal und verfluchen ihren Schöpfer. Andere, die ich gekannt habe, nehmen ihre tödliche Krankheit als Herausforderung, der man mit Mut begegnen kann. Und wieder andere sehen es als einen weiteren Punkt in der langen Liste bitterer Enttäuschungen- ein weiterer ranziger Bissen, der geschluckt werden muss.
Ich war einmal beim Sterben einer vierundneunzigjährigen Frau anwesend. Sowohl sie selbst als auch ihre Familie verfluchten das "Schicksal", und schrien wieder und wieder: Wie kann Gott ihr das antun?
Und einmal war ich im Krankenhaus am Totenbett eines jungen Mannes in den vierzigern, der an Lungenkrebs starb. Ein fanatischer Prediger, der gekommen war, um "geistigen Trost" zu spenden, sprach zu der Frau des Patienten- in seiner Hörweite: " Und das hier, dieser Krebs und dieser Tod", sagte er laut und bewegte seine Arme zu dem Patienten hin, "das ist der Lohn der Sünde". In jedem Fall sehen wir, wie die Bedeutung, die Interpretation eines Ereignisses, nur auf den biosozialen Grenzen vorgefasster Meinungen beruht.
Eine Bedeutung basierte auf der Überzeugung, dass Gott uns nicht sterben lassen würde, wenn er uns liebte. Die andere Bedeutung basierte auf der Überzeugung, dass der Tod eine Strafe ist. In beiden Beispielen wird die Bedeutung vom mentalen Ego herauf beschworen, das auf der niedrigsten Funktionsebene des Ego arbeitet, der Ebene von unüberprüften Glaubenssätzen( mehr über diese Ebenen in späteren Erklärungen über die sich entwickelnden Bewusstseinsebenen im Menschen, die man im Prozess des Sterbens oft deutlich erkennen kann).
Jedes dieser zugewiesenen Attribute von Bedeutung ist weit entfernt von der Wirklichkeit der Einheit.
Zum Glück für diejenigen, die die transformierenden Bereiche des Sterbeprozesses betreten haben, erzeugen anscheinend unvermeidbare Veränderungen der Bewusstseinsebenen Verschiebungen in der Bedeutung, die den Erfahrungen zugewiesen wird. Interessanterweise wurden vor einigen Jahren in einem Buch, das als ein bedeutungsvoller Beitrag im Bereich der sozialen Psychologie gesehen wurde, Veränderungen in der zugewiesenen Bedeutung in Beziehung zu der Fähigkeit eines Menschen gesehen, mit der Zerreissprobe einer lebensbedrohenden Krankheit umzugehen.
Solche Einsichten in die transformierende Funktion von Leiden sind weit weniger eine Illusion, als die typischen Überzeugungen des mentalen Ego es sind. Solche Einsichten bedeuten, dass eine Ausdehnung des Bewusstseins, Offenheit für ein Wesen und eine Macht jenseits des persönlichen Selbst, der Prozess von Heilung oder Transformation, bereits begonnen haben.
Die Identität des mentalen Ego fragt unvermeidlich „ Warum? “.
Es ist die Natur des Denkens, „Warum"? zu fragen. Wir, die wir keine Antworten haben, suchen nach Antworten auf Fragen, die innerhalb unserer Begrenzungen nicht beantwortet werden können. Und doch, wenn wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit auf diese Fragen nach Bedeutung richten, bemerken wir eine tiefe Veränderung in der Weise, wie wir alles wahrnehmen. Die fiktiven Erklärungen des inneren Dialogs beginnen zu stottern, und in den Zwischenräumen erhaschen wir hier und da wiederholte leuchtende Einblicke des unendlichen Lebens, als der Quelle dieser Welt der Erscheinungen.
Veränderungen in der Bedeutung, die wir den Ereignissen geben, werden geschehen, während sich die Bewusstseinsebene in ein umfassenderes Wissen ausdehnt.
Es geschehen klare Veränderungen von innerer Weisheit, während die Identität über das getrennte Selbst hinausgeht. Mit der Integration von Schatten und Persona/ Maske und von Körper und Geist entsteht die Fähigkeit zur „Visionslogik“: die Wahrheit in einer einzigen um-fassenden Sicht mit den Augen einer tieferen, wesentlicheren, und existenzielleren Einheit zu erkennen.


In dem frontalen Zusammenstoß zwischen einer tödlichen Krankheit und dem persönlichen Bewusstsein des Ego ist Hoffnung fast immer die erste machtvolle Psychodynamik, die in den Vordergrund tritt. Sie steigt mit der ersten Andeutung der Tragödie auf. Hoffnung ist eine kraftvolle Konstellation aus menschlichen Emotionen, Glaubenssätzen und Vorstellungen, aber es ist ein schmerzhafter Spielplatz.
Für das mentale Ego, das Ich, dass einer tödlichen Prognose begegnet, bedeutet Hoffnung typischerweise eines: die Fortsetzung des Selbst. Dies ist der Gedanke: Ich weiß, dass alle Dinge vergäng-lich sind, dass alles vorübergehen muss...und doch...und doch... .
