
Abschied von Yashu
Sterbebegleitung als Praxis des Mitgefühls
Wenn es im Umfeld des Krankenhauses in erster Linie gar nicht sosehr an Religiosität, sondern viel mehr an Menschlichkeit mangelt, welche konkreten Handlungen kann dann eine Pflegeperson oder ein Begleiter trotz seiner Ängste und Schuldgefühle setzen , um dem Sterbenden bei diesem Übergang zu helfen?
A: Ich glaube, dass wir angesichts des Leidens der Menschen, die sterben werden, und ihres Todes oft nicht viel ausrichten können, aber wir können ihnen zumindest unsere Gegenwart und unsere Aufmerksamkeit schenken.
Auf Palliativstationen misst man der Qualität der Gegenwart, des Seins, großen Wert bei . Was kann man anbieten, wenn nicht die Tiefe unseres Hierseins und die Sensibilität unserer Aufmerksamkeit , denn genau das ist es, was es uns erlaubt, eine Brücke zu dem zu bauen , der sterben wird , und was es ihm erlaubt, in Verbindung zu bleiben: in Verbindung mit sich selbst, mit den anderen, mit dem, was über ihn hinausgeht . Aus dieser Haltung heraus misst man der Qualität des Hierseins, dem Bewusstsein, in dem wir Dinge tun, enorme Bedeutung zu. Man muss nicht einmal unbedingt besondere Gesten setzen, sondern sich eher von den alltäglichen Erfordernissen leiten lassen, indem man den Schwerpunkt auf das Bewusstsein, in dem man Dinge tut, legt .
Jemanden waschen, ihm ein Bad richten, eine wundgelegene Stelle pflegen , ihm die Füße massieren oder ihn auch nur einfach im Bett umdrehen - all das kann man in dem Bewusstsein dessen tun , was dieser Mensch wirklich ist. Er reduziert sich nicht auf einen dem Verfall preisgegebenen Körper, dessen Auflösung bevorsteht, er ist unendlich mehr als dieser Körper, egal welche Worte wir benutzen - ein im Körper inkarnierter Geist, ein lebendiges Mysterium - er ist mehr als das, was wir sehen.
Wenn wir uns diesem Menschen nähern und ihn im Bewusstsein dessen , was er wirklich ist, anschauen oder berühren, dann sind unsere Gesten, unsere Blicke, unsere ganze Art und Weise, uns dem anderen zuzuwenden, von dieser Qualität der emotionalen Bestätigung, der Bestätigung des anderen, durchdrungen. Durch unsere Art zu sein können wir einen anderen Menschen spüren lassen, dass er mehr ist als das, was er uns zu sehen gibt . Das schließt natürlich Worte nicht aus, aber oft sind wir daran gewöhnt, Worte zu gebrauchen, die unangebracht zuversichtlich klingen und nicht im geringsten mit unserem wirklichen Sein übereinstimmen. Die Art und Weise , wie wir einen anderen berühren, vermag aber nicht zu täuschen . Es ist also der Pflegealltag, der die Gelegenheit bietet, dem anderen über die Berührung zu begegnen . Diese Annäherung an den anderen hat etwas Heiliges an sich.
Wenn wir zum Beispiel eine Gesichtsmassage machen - also weder eine »technische« noch eine Schönheitsmassage -, dann wollen wir zwar, dass der Kranke sich entspannt, in Wirklichkeit aber bezieht sich so eine Massage auf die »Ikone« des Menschen: Wenn wir eine Hand respektvoll und sanft auflegen und sich das Gesicht unter unseren Gesten entspannt, dann sehen wir unter unseren Fingern wie ein inneres Licht aufleuchten . Es ist, als würde die Haut der Hand antworten, die sich ihr nähert; man hat fast den Eindruck , als würde das Gesicht auf die Hand zugehen, und es ist diese Begegnung, die dieses Gefühl des Strahlens auslöst . Das ist eine Erfahrung, die jeder machen kann: Pflegehelfer und Krankenschwester genauso wie Angehörige. Etwas so Einfaches kann dem Sterbenden nicht nur Linderung verschaffen, sondern ihm auf einer viel tieferen Ebene das Gefühl geben, dass er seine innere Schönheit, die nichts mit dem »objektiven« Körper zu tun hat, wiedererlangt .
Sich des Körpers eines Sterbenden annehmen kann also wie eine heilige Aufgabe erlebt werden.
Eine respektvolle, sanfte Berührung ist ein symbolisches Äquivalent für das Öl, das in vielen Traditionen verwendet wurde, um auf die transzendentale Dimension des Körpers zu verweisen.
Es ist also möglich, den anderen so zu berühren, als würde man Gott selbst berühren. Außerdem gibt es noch eine ganze Reihe von Dingen, die eine Atmosphäre der Ruhe und des geistigen Friedens fördern: stimmungsvolle Musik, Räucherstäbchen, eine Kerze , die auf dem Nachttisch brennt . Alle diese kleinen Details tragen dazu bei , ein Klima der Ruhe zu schaffen. In der buddhistischen Tradition wird dieser Atmosphäre der Stille und des Friedens in der Umgebung des Sterbenden große Bedeutung beigemessen . Aber man kann diese Stille auch ohne all das schaffen ; es reicht eine lebendige , achtsame, stille , achtungsvolle Anwesenheit . Je mehr man an einem Menschen hängt , je mehr man seinen Tod ablehnt , desto schwieriger ist es natürlich , einfach da zu sein, in Offenheit und Stille , und desto schwieriger ist es natürlich auch , während der letzten Phase in dieser subtilen Übereinstimmung zwischen Seele und Seele , zwischen Herz und Herz bei einem geliebten Menschen Wache zu halten.
Wenn man von seinen eigenen Emotionen und seinem eigenen Kummer hinweggerissen wird , wie kann man da einfach da sein, in dieser Stille, und dem anderen helfen zu gehen?
Wenn derjenige , der einen Sterbenden begleitet, ihm dieses Klima des Friedens, diese Qualität des Da Seins , auf die die buddhistische Tradition so großen Wert legt, bieten will, muss er dann nicht selbst ein inneres Gleichgewicht erlangt und seine Gefühle unter Kontrolle haben? Besteht nicht die Gefahr , dass die buddhistische Lehre des Gleichmuts , der eine solche Haltung erst ermöglichen soll , von einem westlich geprägten Menschen nicht richtig umgesetzt wird und dieser Gleichmut in bloße Gleichgültigkeit umschlägt?
A: Gleichmut beziehungsweise Nicht-Anhaften , die nicht mit Mitgefühl einhergeh e n, sind tat sächlich nichts anderes als Gleichgültigkeit . Des wegen ist in der authentischen buddhistischen Tradition , die der christlichen übrigens sehr nahe steht, das Nicht-Anhaften eine Vorbedingung dafür, dass das Mitgefühl wahrhaft sein kann ; es is t eine der Vorbedingungen für Liebe . Auch die Wüstenväter sagten , die Liebe erwachse aus der Stille…
Ein Wesen zu lieben heißt, einen beruhigten Geist zu haben , denn dadurch kann man ihm erlauben, das zu sein, was es in dem Moment ist, in dem es ist . Diese Vorstellung der Stille, in der wir bei jemandem verweilen, der leidet, ist also auch in der Tradition der Wüstenväter extrem wichtig, genauso aber bei den westlichen Mönchen.
Wenn jedoch das Nicht-Anhaften, das nicht mit Mitgefühl einhergeht, nichts anderes als Gleichgültigkeit ist, warum wird dann in gewissen christlichen Ritualen, bei denen zum Beispiel auch Klageweiber und ähnliches eine Rolle spielen, der Tod so dramatisiert? Sinn und Zweck ist es , das Leiden, das uns innewohnt, zu veräußerlichen. Im Judentum kann man sich die Haare raufen oder sich die Kleider vom Leib reißen, um daran zu erinnern, dass eine Trauerarbeit, sei sie nun persönlicher oder sozialer Natur, zu verrichten ist! Es ist das, was die Griechen Katharsis nannten: Katharsis als Voraussetzung dafür, in die Stille des Akzeptierens eintreten zu können .
Weiß man eigentlich wirklich , was Mitgefühl ist , wenn doch die Begriffe »Mitgefühl« und »Mitleid« so oft verwechselt werden? Was bedeuten die beiden Begriffe und was ist der wesentlichste Unterschied?
Das lateinische Wort für »Mitgefühl ist compassio - »com bedeutet »mit, »passio« ist die Passion, die Leidenschaft. Wenn wir heute von Leidenschaft sprechen, dann denken wir sofort an eine leidenschaftliche Liebe. In Wirklichkeit heißt passio aber „mit jemandem sein“. Diese Compassio, dieses Mitgefühl, bedeutet vor dem Leiden des anderen keine Angst zu haben und es in sich aufzunehmen - aber nicht, um es festzuhalten oder sich darin zu gefallen, denn das wäre Masochismus und Selbstgefälligkeit .
Das Wichtige dabei ist die Erfahrung einer Öffnung des Herzens gegenüber dem, was der andere erlebt, ohne sich davon überwältigen zu lassen.
Ich persönlich finde , dass ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Begriff „Mitleid“, wie er heute verwendet wird, und dem Begriff „Mitgefühl“ besteht . Im Mitleid ist da eine Mauer, die uns vor unserem eigenen Leiden schützt . Im Mitleid sind wir nicht in Kontakt mit unserem eigenen Leiden als menschliches Wesen. Wir sind derjenige, der sich - im Gegensatz zu dem, der wehrlos und leidend ist - guter Gesundheit erfreut, der sich in einer Position der Stärke befindet . Man spricht ja auch von »professioneller Wärme«. Dieser Begriff bezeichnet eine sehr defensive Haltung: Man muss gegenüber dem Menschen, der leidet, wachsam und warmherzig bleiben, gleichzeitig aber auch jener sein, der dominiert!
Eine derartige Haltung kann sich sehr schnell in etwas verwandeln, das für den Kranken absolut unerträglich ist . Wurzelt diese Wärme jedoch in jenem Teil von uns, der berührt wird und leidet, wenn er den anderen leiden sieht, ohne sich hinter irgendeiner professionellen Abwehr zu verstecken, dann empfinden wir etwas anderes als Mitleid.
»Mitleid« ist ein »mentales« Wort geworden, das den anderen zu einem äußeren Objekt macht . Am Ursprung steht aber die Barmherzigkeit, und, tiefer noch, die „Matrix“. Es handelt sich darum, jemandem mit dem Bauch zuzuhören, ihn in den eigenen Bauch aufzunehmen und darin zu tragen.
Das Leiden des anderen muss »verdaut« werden, man trägt es im Bauch; manchmal ist es wie ein Schlag, der einen trifft, und wir müssen es dann tragen wie ein Kind.
Der tiefe Sinn des Wortes Mitleid liegt darin, diese Qualität des »aus dem Bauch« in uns zu finden; wir nehmen den anderen nicht nur mit unserem Kopf oder unserem Herzen wahr, wir hören ihm mit unserem »Bauch« zu. Wir sind nicht nur im Gefühl, in der Emotion, sondern wir tragen das Leiden des anderen in uns, damit Sinn »gezeugt« werden kann .
Den anderen in sich tragen heißt auch, jenem Teil von ihm Vertrauen schenken, der in der Lage ist, dieses Leiden zu tragen. Im modernen, deformierten Sinn transportiert das Wort »Mitleid« die Vorstellung, der andere verfüge nicht über die Fähigkeit, sich dem, was ihm widerfährt, zu stellen und es zu ertragen.

Es ist oft die Rede davon, dass die „Zeit des Sterbens“ für die Familie und die begleitenden Personen, aber auch für den Kranken selbst eine besonders schwierige Phase sei. Der Faktor Zeit drückt sich dann darin aus, wie geduldig - oder ungeduldig - wir sind . Fällt es uns leichter, Geduld aufzubringen, wenn wir uns in einem Zustand des Vertrauens befinden?
Das Konzept der Geduld muss im Zusammenhang mit dem Respekt für die Zeit der Agonie, für den Rhythmus , der jedem eigen ist , gesehen werden. Wenn man tatsächlich davon überzeugt i st, dass der Kranke in der Phase unmittelbar vo r dem Tod echte Arbeit leistet , eine innere Arbeit, die ihre Zeit braucht, so fällt es einem sicher leich t er, diese Geduld aufzubringen.
Und diese innere Arbeit geht auch dann weiter , wenn der Kranke sich im Koma befindet .
Es stimmt, dass diese Zeit für die Umgebung sehr anstrengend und schmerzlich ist, aber sie muss trotzdem respektiert werden, weil sie ganz wesentlich ist für den Betreffenden, der sie durchlebt . Ich muss da an einen Mann denken , der mehr als drei Monate im Koma lag - in einem natürlichen Koma, das nicht mit medizinischen Mitteln herbeigeführt wurde . . . Die Familie begann ungeduldig zu werden, niemand verstand diese Situation . Wir fanden heraus, dass dieser Mann eine vierzehnjährige Tochter aus erster Ehe hatte , deren Mutter dem Kind nicht erlaubte, seinen Vater zu sehen, weil sie fürchtete, dass es dies zu sehr aufwühlen würde. Nachdem wir das erfahren hatten, gelang es uns, die Mutter umzustimmen, und sie erlaubte ihrer Tochter , den Vater zu besuchen. Das Mädchen konnte dann einen Nachmittag mit ihrem Vater verbringen, mit ihm sprechen und der Pflegehelferin bei ihrer Arbeit helfen. Dieser Mann ist in der Nacht darauf gestorben .. . Es ist offensichtlich, dass es wirklich das war, worauf er gewartet hatte. Man muss daher diese Zeit unter allen Umständen respektieren, denn diese Zeit hat ihren Sinn.
Die Zeit der Geduld ist eine besondere Zeit, die Zeit des Dazwischen: zwischen der Zeit der Lebenden mit ihrem schnellen Rhythmus und der Zeit des Ewigen, der Nicht-Zeit .
Wenn wir durch eine Krankheit an ein Krankenhausbett gefesselt sind, so versetzt uns dies tatsächlich in eine andere Art von Zeit: in eine Zeit, in der wir alles haben, was wir brauchen , um uns der Prüfung des Augenblicks zu stellen, aber wir haben nichts , uns dem zu stellen, was danach kommt . Es handelt sich nicht nur darum, der Zeit Zeit zu geben; es geht vielmehr darum, der Zeit Geduld zu geben, ihr etwas wie eine Öffnung zu geben.

Müssen wir nicht lernen, die Gegenwart - ja, den gegenwärtigen Augenblick - voll zu leben, da wir ja nicht lernen können, wie man stirbt?
Ja, wir müssen von der Zeit chronos, die uns verschlingt (die Zeit der Uhren), zur Zeit ka'iros gelangen, die uns erweckt (der Augenblick, der »günstige« Augenblick). Wir haben nicht mehr die Zeit zu »werden« , aber wir haben Zeit zu sein, in der Intensität d es Augenblicks. Wir haben kein e Zeit mehr , aber wir haben Augenblicke .. . und die gilt es zu leben: günstige Augenblicke. Das JETZT.
Man kann beobachten, dass die Menschen, die zu sehr in der Vergangenheit oder Zukunft leben, nicht zum Frieden finden. Ein Grund dafür ist Angst . Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit führt zu Nostalgie; man bedauert all das, was man nicht getan oder nicht erlebt hat . Und die Projektion in die Zukunft ist klarerweise eine Quelle der Angst , denn der Betreffende weiß sehr wohl , dass er keine Zukunft mehr hat . In seinem Innersten weiß er genau , dass der einzige Ausweg darin besteht, die Gegenwart zu leben . Das ist etwas, was man sich aber erst erobern muss, was man nicht ganz freiwillig tut, eben weil dies der einzige Ausweg ist .
Die Verengung des Universums eines Sterbenden, das Fehlen von Impulsen und Anregungen (monatelang in ein und demselben Bett in ein und demselben Zimmer mit dem immer gleichen Horizont ... ) sind letztendlich nur dann erträglich , wenn es gelingt, das voll zu leben, was sich Augenblick für Augenblick bietet .
Ich bin überzeugt davon, dass man kontemplativ wird, wenn man sich seinen letzten Momenten nähert.
Es scheint, dass diese Fähigkeit, im gegenwärtigen Augenblick zu leben, für den Sterbenden ganz wesentlich ist. Aber auch die Familienangehörigen oder die Personen, die den Sterbenden begleiten, sollten diese Arbeit vollbringen. Ist es für sie schwieriger?
Für die Menschen in der Umgebung des Sterbenden ist es sicherlich sehr schwer, denn sie leben nicht in der gleichen Zeit . Während sich der Sterbende in einer besonderen Zeit befindet, in einer »aufgehobenen« Zeit, lebt die Umgebung in der chronologischen Zeit, die eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat .
Eines der Hindernisse für die Kommunikation mit einem Menschen, der sterben wird, besteht gerade darin, dass wir uns nicht in der gleichen Zeit wie er befinden . Hier ein Beispiel für diese Diskrepanz: Oft sind die Pflegepersonen frustriert, weil sie nicht genug Zeit haben , sich um den Kranken zu kümmern. Würden sie aber lernen, dieses Jetzt zu leben - könnten sie also während der kurzen Zeit, die sie zur Verfügung haben, wirklich mit dem anderen sein -, dann befänden sie sich in Einklang mit der Zeit des Kranken und würden nicht mehr dieses Gefühl der Frustration erleben.
Die Gegenwart ist etwas sehr Physisches. Erst nach einer langen Reise kommen wir dort an, und manchmal ist unser Körper »dieses Land, in dem man nie ankommt«. Aber auf eine gewisse Weise zwingt uns die Nähe des Todes, da zu sein , in unserem Körper zu sein. Die Frage ist schlicht und einfach : »Wie können wir vollkommen "Dasein" , ohne uns von diesem Da einsperren zu lassen?«
Ist diese Präsenz - dieses Hier- Sein , dieses Im- Augenblick- Sein - etwas, was uns helfen kann loszulassen?
Ich erinnere mich an eine Frau , die eine schwere Angstkrise durchmachte . Sie klammerte sich an mich, und ich hätte von diesem Strudel der Angst mitgerissen werden können. Niemals habe ich deutlicher gefühlt, wie beruhigend sich dieses Da- Sein (ein ruhiges, offenes, aufnehmendes Da -Sein) auf den anderen auswirkt . Ich habe sehr konkret gespürt, dass meine Gegenwart die Frau wie mit einer schützenden Haut umgab und verhinderte, dass die Angst ausuferte.
Nach einer Weile ist sie eingeschlafen . Ich blieb bei ihr und wachte bei ihr wie eine Mutter, die bei einem schlafenden Säugling wacht . Dann ist sie aufgewacht und hat mir erzählt, was sie soeben geträumt hatte:
Es war Nacht, sie befand sich in einem schwankenden Boot auf einem dunklen, bewegten Meer, aber das Boot war solide gebaut und trug sie, und trotz des Unwetters fühlte sie sich sicher. Dieser Traum illustriert auf sehr anschauliche Weise , was bei einer Sterbebegleitung passiert. Wir können nicht verhind ern, dass der andere Angst verspürt, aber wir können sie eindämmen und das Gefühl vermitteln , trotz allem getragen zu sein. Dies kann ihm vielleicht helfen loszulassen.
Was mich betrifft, so denke ich oft daran, welch es Geschenk man einem Menschen allein damit machen kann , daß man sich still zu ihm setzt und dabei ruhig atmet . Aber es ist auch wichtig, ein Wort zu sagen , das es ihm erlaubt, sich nicht mit der Gesamtheit seiner vergangenen Handlungen zu identifizieren: ein Wort des Vergebens.
Wie der spirituelle Lehrer Osho betont , besteht das Drama des modernen Menschen darin, dass er kein Bewusstsein besitzt, das größer wäre als sein eigenes Bewusstsein. Wer würde nicht gerne das Wort hören , das ihm in Erinnerung ruft: »Wenn dich auch dein Herz, dein Gewissen, dein Leiden und deine Diagnose verdammen, so gibt es doch etwas in dir, das größer ist als du, das liebender ist als du; es existiert in dir eine Realität, die dir vergibt . «
Wie kann dieses Mitgefühl in der Praxis des Pflegealltags gelebt werden? Was kann man tun, damit man sich vom Leiden des anderen nicht mitreißen läßt?
Die Frage, wie man Mitgefühl leben kann, ohne sich vom Leiden des anderen mitreißen zu lassen, wirft die Frage auf, was wir unter der »angemessenen Distanz« verstehen: weder zu nah noch zu distanziert. Wie kann man präsent bleiben , ohne sich mit dem Leiden des anderen zu identifizieren oder sich von ihm anstecken zu lassen, aber auch ohne schützende Barrieren aufzubauen, die eine Begegnung unmöglich machen und eine Verarmung der Beziehung bewirken?
Man kann gegenüber demjenigen, der leidet, eine Haltung von Offenheit und innerem Mitschwingen einnehmen und ihm dadurch sehr nahe sein und trotzdem die rechte Distanz wahren.
Diese Distanz ist dann aber eine innere Distanz gegenüber unseren eigenen Gefühlen, eine Distanz zwischen mir und mir und nicht eine Distanz zwischen mir und dem anderen. Anders ausgedrückt: Es handelt sich nicht so sehr um eine Technik, sondern um eine innere Arbeit . In dem Maße, in dem wir nicht Angst davor haben, uns auf Momente der Trauer, der Trennung, der Krise einzulassen; in dem Maße , in dem wir selbst an dieser Frage des Verlusts arbeiten , in dem Maße werden wir vielleicht weiser und begegnen der Unbeständigkeit des Lebens mit größerem Vertrauen. Wir lernen in die innere Stille, in das innere Schweigen hineinzufinden , in diesen Ort tief in uns drinnen, in dem wir alle Ängste und Gefühle sein lassen können. Das ist ein Ort des Friedens, der auch im anderen existiert, auch wenn er in diesem Augenblick verdunkelt erscheint .
Dann können wir dem nahe bleiben, der in seiner Verzweiflung gefangen ist, ohne mit ihm unterzugehen, denn wir haben Vertrauen in die Bewegung der Dinge an sich, die ihn seine eigene Nacht wird durchqueren lassen .
Dies macht einmal mehr deutlich, wie notwendig es ist, sich auf seine persönliche Bewusstseinsarbeit einzulassen, bevor man sich in der Sterbebegleitung engagiert .
Und noch etwas anderes wird klar: Solange die Ärzte, die Pflegepersonen und all jene, die vielleicht einmal einen nahestehenden Menschen in seiner letzten Lebensphase begleiten, nicht selbst diese innere Arbeit in Angriff nehmen - und diese Arbeit besteht darin, sich auf seine eigenen Ängste, auf seine eigenen Verletzungen einzulassen , sie aufrichtig zu betrachten, es wagen , sie zu te ilen , und zu fühlen , wie man sich durch sie weiterentwickeln kann - , bleibt ihnen überhaupt keine andere Wahl , als angesichts des Sterbenden Abwehrstrategien zu entwickeln. Das ist nur allzu verständlich, denn es geht ja um ihr psychisches Überleben! Aber diese Strategien sind nichts als Konstrukte . Letzten Endes wird man müde, sie immer wieder zu verstärken, vor allem wenn einem bewusst wird , welch tragische Verarmung in den zwischenmenschlichen Beziehungen sie nach sich ziehen.
Gleich, welche Tradition man betrachtet - die buddhistische oder die christlich-jüdische -, die Haltung des Mitgefühls ist allgegenwärtig. Und man sieht, wie wichtig es ist, sich nicht vom Leiden des anderen mitreißen zu lassen, wenn man sich diese Haltung des Mitgefühls bewahren will.
Existieren in den einzelnen Traditionen spezielle Rituale, die dem Begleitenden helfen können, dieses Gleichgewicht zu finden?
Selbstverständlich, jede Tradition hat ihr Ritual . Was aber in den östlichen Traditionen interessant ist, ist die Tatsache, dass sie Praktiken entwickelt haben, die einem helfen, seine Mitte zu finden und gut geerdet zu sein. Wie kann man »mit« jemandem sein, ohne sich zu verlieren? Wie kann man die rechte Distanz finden? Wie kann man weder getrennt noch überwältigt sein? Es ist der Atem, der uns dabei helfen kann. Genauer: die Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Atem. Ist nicht der Atem das, was uns mit anderen Menschen verbindet, ohne dass wir uns im anderen verlieren? Ein gutes Beispiel für eine Praxis, die es uns erlaubt, eine mitfühlende Haltung einzunehmen, ohne uns vom Leiden des anderen hinwegreissen zu lassen, ist die buddhistische Praxis des Tonglen. (Atisha´s Meditation, CD 2001).
Man weiß, wie wichtig es ist, in der Umgebung eines leidenden Menschen möglichst jede Form von Belästigung zu vermeiden. Dabei handelt es sich nicht nur um Belästigung durch Lärm oder Emotionen, sondern auch um Belästigung durch die eigenen Gedanken. Wie kann man also ohne Angst das Leiden des anderen entgegennehm en, aber nicht , um es festzuhalten und sich darin zu gefallen , sondern um es zu verwadeln? Wie kann man dem anderen einen Teil der Last, die er tragen muss , abnehmen und ihm ein bisschen Frieden und Mitgefühl zut eil werden lassen? Der Begriff Tonglen bedeutet »geben und nehme n «. Diese Bewegung des Annehmens und Gebens kann dann stattfinden , wenn wir uns unseres eigenen A tems gewahr sind .
TongIen ( Atisha´s Meditationstechnik) ist eine Übungsmethode, die mit dem Atem verbunden ist . Ich muss zuerst meine Ängste, meine Spannung, meine Müdigkeit ablegen. Dann nehme ich beim Einatmen das Leiden des anderen in mich auf. Ich behalte dieses Leiden aber nicht, denn es ist ja nicht mein Leiden, sondern gebe es beim Ausatmen weiter, ich übertrage es in gewisser Weise an et was, das größer ist als ich. Anschließend atme ich Licht, Kraft und Frieden aus, um sie an den Kranken, den ich begleite, weiterzugeben. Es kommt also zu einer »Transfusion von Gelassenheit. Aber diese Gelassenheit gehört nicht dem, der sie gibt . Sie fließt durch ihn hindurch und stammt von dem oder denen, die er beim Sterbenden anruft. Man könnte sagen, daß der Begleitende in diesem Moment selbst begleitet ist . Er kann dabei auch das, was man im buddhistischen Kontext eine Gottheit nennt, visualisieren, also mit einer Wohlwollen ausstrahlenden Vorstellung arbeiten.
Das ist genau das, was auch die Christen immer dann machen, wenn sie beten oder einen Heiligen, die heilige Maria oder ihren Schutzengel um Hilfe anrufen - wenn sie also die Gemeinschaft der Heiligen anflehen, die eine Art unsichtbare Solidargemeinschaft darstellt .
Es handelt sich tatsächlich darum, große Bilder, große Archetypen anzurufen, die das spirituelle Unbewußte des Kranken bewohnen . Aber nicht einmal das ist unbedingt notwendig. Entscheidend ist, dem Leiden des sterbenden Menschen nicht das eigene Leiden hinzuzufügen. Es geht darum, angesichts der Angst des anderen frei von Angst zu bleiben .
Aber diese Übertragung von Gelassenheit setzt voraus, daß derjenige, der einen Sterbenden begleitet, selbst im reinen ist mit seinen Ängsten.
Diese Übung des Mitgefühls ( Atisha´s Meditation) ist ein wahrer Friedensstifter. Sie beruhigt das Denken, und allein die Tatsache, ruhig an der Seite eines leidenden Menschen zu atmen, kann ihm beträchtlich helfen. Dieser Prozeß des Austausches geschieht von Atem zu Atem, von Herz zu Herz, von Unbewußtem zu Unbewußtem. Dabei handelt es sich viel mehr um eine Qualität des Seins als irgendeine besondere Kompetenz.
Man muß übrigens wissen, daß dieser Prozeß nicht immer von dem Menschen, der begleitet, ausgeht.
Manchmal ist es der Mensch, der stirbt, der uns diese Qualität des Seins schenkt . Viele Sterbende legen uns gegenüber eine geradezu unvorstellbare Feinfühligkeit an den Tag. Es ist nicht nur, daß sie uns ihr Leiden nicht zeigen wollen, damit nicht auch wir leiden: Sie helfen uns.
Infos zur Atisha´s Meditation CD 2001- Transformation und Mitgefühl