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Es bedeutet vornehmlich zwei Dinge: Erstens, daß das
Leben, wie man es äußerlich kennt, sinnlos ist - daß das Leben, so wie wir es
kennen, keine Erfüllung bringt. In dem Augenblick, in dem man diese Tatsache erkennt,
beginnt die Suche. Das ist der negative Teil, aber nur aus dieser Negativität
heraus kann das Positive entstehen. Spirituelles Suchen bedeutet zuerst einmal
ein negatives Gefühl, ein Gefühl, daß das Leben, so wie es ist, sinnlos ist. Die
ganze Geschichte endet einfach mit dem Tod: Erde zu Erde, Staub zu Staub. Und
am Ende hält man nichts in den Händen. Ihr geht durch so viel Leid, durch eine
solche Hölle im Leben - und am Ende habt ihr nichts erreicht.
Das ist der negative Abschnitt der Suche, und das Leben hilft euch,
zu diesem Punkt zu kommen. Diese Negativität, diese Frustration, diese Qual, ist
der Teil, für den die Welt sorgt. Wenn man diese Tatsache, die Sinnlosigkeit des
Lebens, so wie es ist, einmal wirklich eingesehen hat, fängt man norrnalerweise
an zu suchen, denn mit einem sinnlosen Leben kann man sich nicht zufriedengeben.
Diese Sinnlosigkeit schafft eine abgrundtiefe Kluft zwischen dir und allem, was
das Leben ausmacht. Ein unüberbrückbarer Abstand entsteht und wird größer und
größer; man ist nicht mehr verankert.
Dann beginnt die Suche nach dem Sinn, nach etwas, das dir Seligkeit geben könnte.
Das ist der andere Teil der Suche - der positive Teil. Spirituelle Suche bedeutet,
der Realität ins Auge zu sehen und nicht in Traumvorstellungen zu leben. Unser
ganzes Leben ist nur unsere Projektion, unsere Traumvorstellung. Es geht uns nicht
darum zu erfahren, was ist, sondern zu erreichen, was wir uns wünschen. Man kann
das Wort ,,wünschen" als symbolischen Begriff für unser sogenanntes Leben nehmen.
Es ist eine Wunschvorstellung. Wir sind nicht auf der Suche nach dem, was ist;
wir sind auf der Suche nach der Erfüllung unserer Wünsche.
Und so wünschen wir immer weiter; aber das
Leben enttäuscht uns immer wieder; denn es ist so wie es ist. Es kann nicht so
sein, wie wir es uns wünschen. Wir können nur enttäuscht werden. Nicht, daß die
Realität gegen uns wäre - wir stellen uns nicht auf die Realität ein! Wir sind
nur auf unsere Träume eingestellt. Aber alle Träume werden irgendwann einmal grausam
zerstört. Solange man träumt, ist noch alles in Ordnung, aber wenn irgendein Traum
in Erfüllung geht, wird das ganze absurd und desillusionierend.
Spirituelles Suchen heißt, diesen negativen Teil begreifen: daß Wünschen die Wurzel
aller Enttäuschungen ist; zu wünschen heißt, aus eigenem Antrieb eine Hölle zu
schaffen. Zu wünschen ist weltlich. Weltlich sein heißt, zu wünschen und immerfort
zu wünschen und nie wahrzunehmen, daß jeder Wunsch zu nichts als Frustration führt.
Wenn man das einmal eingesehen hat, hört man auf zu wünschen, oder man hat nur
noch den einen Wunsch: zu erfahren, was ist. Man sagt: Ich bin nicht hier; um
meine Vorstellungen auf die Realität zu projizieren, sondern um zu erkennen, was
ist.
Nicht, daß ich
so oder so sein sollte oder die Wirklichkeit so oder so sein sollte - ich will
nur die nackte Realität erkennen, wie immer sie auch sein mag. Ich darf mir nichts
vorstellen. ,,Ich" darf mich nicht einmischen. Ich will der Wirklichkeit, so wie
sie ist, begegnen. Spirituelle Suche in ihrem positiven Teil bedeutet, der Existenz
so, wie sie ist, ohne jeden Wunsch zu begegnen.
Wenn kein Wunsch mehr da ist, arbeitet der Projektionsmechanismus nicht mehr.
Dann sieht man, was ist. Dieses Sein, das, was ist, wenn man es einmal kennt,
gibt uns alles. Die Wünsche versprechen alles und halten nichts. Unsere Wünsche
versprechen immer Seligkeit und Glück, aber die Erfüllung findet nie statt und
jeder Wunsch endet nur in immer neuen Wünschen. Aus jedem Wunsch entstehen immer
wieder hundert neue und größere Wünsche, die am Ende natürlich noch größere Enttäuschungen
bringen.
Ein Mensch mit einem wunschlosen Bewußtsein ist auf der spirituellen Suche.
Ein spiritueller Sucher ist
jemand, der sich der Unsinnigkeit allen Wünschens völlig bewußt wurde und bereit
ist zu erfahren, was ist. Wenn man dazu einmal bereit ist, ist die Realität immer
nah - gleich um die nächste Ecke. Aber du bist nie da! Du bist in deinen Wünschen
in der Zukunft, und die Realität ist immer in der Gegenwart -hier und jetzt! Aber
du bist nie in der Gegenwart. Du bist immer in der Zukunft, in deinen Wünschen,
in deinen Träumen - eingeschlafen. Und die Realität ist hier und jetzt.
Wenn
du aus diesem Schlaf erwachst, wenn dieser Traum unterbrochen ist und du für
die Realität erwachst, die hier und jetzt ist, in dieser Gegenwart, bist du wiedergeboren.
Dann erlangst du die Erfüllung und Ekstase und alles, was du dir immer gewünscht
und nie erreicht hast. Spirituelles Suchen bedeutet, hier und jetzt zu sein, und
das kannst du nur; wenn du keine Wünsche hast. Der wünschende Verstand schwankt
immer hin und her; wie ein Pendel. Er geht entweder in die Vergangenheit, in das
Gedachtnis oder in die Zukunft, in Wünsche und Träume; aber nie ist er hier und
jetzt. Er verfehlt immer genau den Moment des Hier und jetzt. Er schwankt immer
zwischen den beiden Extremen: der Vergangenheit oder der Zukunft. Und in diesem
Schwanken zwischen Vergangenheit und Zukunft verpassen wir die Realität. Die Realität
ist hier und jetzt. Sie ist nie vergangen und nie zukünftig. Sie ist immer gegenwärtig.
Jetzt ist der einzige Augenblick. Jetzt
ist der einzige Augenblick. Jetzt ist die einzige Zeit. Das Jetzt vergeht nie.
Es ist ewig. Es ist immer hier - aber wir sind nicht hier.
Ein spiritueller Sucher
zu sein, bedeutet also, hier zu sein. Nennt es Meditation oder Yoga oder Beten,
die Bezeichnung spielt keine Rolle; der Verstand darf nicht vorhanden sein, aber
der Verstand existiert nur durch Gedanken an die Vergangenheit oder Zukunft. Ansonsten
gibt es keinen Verstand. Gestern habe ich mit jemandem gesprochen. Ich sagte ihm:
,,Du kannst in der Gegenwart nicht denken. In dem Augenblick, in dem du denkst,
ist der Moment schon Vergangenheit geworden." Der Verstand kann also nicht in
der Gegenwart existieren. Er existiert nur in Erinnerungen an Vergangenes oder
in Plänen für die Zukunft. Er kommt nie in Kontakt mit der Gegenwart. Das ist
unmöglich. Wenn
man also nicht denkt, gibt es keinen Verstand. Dieser Zustand ist Meditation.
Dann ist man hier und jetzt. Dann explodiert man in die Realität. Die spirituelle
Suche ist keine Suche nach moksha, nach Erlösung, nach Tod. Das ist auch wieder
ein Wunsch. Eine Gier; noch größer als die Gier nach Geld, nach Ansehen, nach
Macht. Der Wunsch nach Erlösung ist eine noch größere Habgier; denn sie geht selbst
über den Tod hinaus. Und
spirituelle Suche ist keine Suche nach Gott, denn das ist auch wieder eine Begierde.
Wenn du nach Gott suchst, ist der Verstand wiederum habgierig geworden. Du suchst
Gott für einen bestimmten Zweck. Ganz gleich, wie tief und unbewußt der Vorgang
dir selbst ist, du suchst Gott, um irgendetwas zu erreichen. Aber damit will ich
nicht sagen, daß es keinen Gott gibt, wenn die spirituelle Suche zu ihrer endgültigen
Erfüllung gekommen ist. Ich
sage nicht, daß es keine Erlösung gibt, wenn man den Zustand der Meditation erreicht
hat und das Bewußtsein frei von Gedanken ist. Die Erlösung ist da - ihr seid befreit.
Aber sie ist keine Folge eures Wunschdenkens. Die Erlösung ist ganz einfach eine
Folge des Wissens, was Realität ist. Gott ist da - aber nicht, weil ihr es euch
gewünscht habt. Gott ist die Realität. Wenn man also die Realität kennt, weiß
man, daß sie göttlich ist. Die Wirklichkeit ist göttlich. Aber die Suche ist nicht
nach Gott oder nach Erlösung oder Seligkeit, denn immer, wenn Wünsche vorhanden
sind, projiziert ihr eure Gedanken wieder in die Zukunft.
Spirituelles Suchen bedeutet: sich nichts mehr von der Zukunft versprechen; bedeutet,
in der Gegenwart bleiben, im Moment leben und die Bereitschaft, anzunehmen, was
auch immer hier und jetzt geschieht. Das Göttliche explodiert in eurem Inneren
- die Freiheit kommt, aber das sind dann keine Dinge, die ihr besitzt, es sind
natürliche Konsequenzen; Schatten der Erkenntnis der Wirklichkeit. Man muß also
zuerst einmal erkennen, daß der Lebenslauf, so wie er ist, frustrierend ist. Man
darf keine einzige Illusion mehr haben, sonst klammert man sich daran. Kostet
jede Erfahrung im Leben gründlich aus. Lauft nicht davon. Erfahrt alles so gründlich,
daß ihr die Enttäuschung erfahrt, die es mit sich bringt. Flüchtet nicht, kehrt
euch nicht ab, nur dann wird dieser Abschnitt der Suche vollendet, und ihr könnt
den Sprung in das Hier und Jetzt tun.
Wenn ihr eingesehen habt, daß die Zukunft die eigentliche Wurzel all dieses Unsinns
ist, den der menschliche Verstand in die Welt setzt, habt ihr den entscheidenden
Schritt getan. Ihr seid vorangekommen, jetzt seid ihr auch in der Lage zu erkennen,
was ist. Das Leben ist eine große Hilfe im ersten, im negativen Teil. Darum geht
in jede Erfahrung, in jeden Wunsch hinein, erlebt es! Entsagt nicht, bevor ihr
reif dazu seid. Das ist es, was passiert: man ist noch nicht wirklich enttäuscht
vom Leben, aber schon gierig nach religiösen Versprechungen. Ihr habt das Leben
nicht als göttlich erfahren, aber seid schon von himmlischen Vorstellungen berauscht,
und dann wird der zweite Teil sehr schwierig, weil ihr nicht durch den ersten
hindurchgegangen seid.
Darum macht den ersten Teil durch, dann wird der zweite Teil ganz einfach. Der
zweite Teil ist nur schwierig, wenn der erste nicht vollständig durchlebt wurde.
Dann fragt ihr: ,,Wie soll ich meditieren?" Dann sagt ihr: ,,Der Verstand läuft
immer weiter, der Gedankenstrom will nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören zu
denken. Wie kann ich meine Gedanken zum Stillstand bringen?" Die Wünsche sind
noch da, und Wünsche schaffen immer neue Gedanken. Der erste Teil wurde noch nicht
erfüllt. Ein
reifer spiritueller Sucher ist ein Mensch, der ohne jede Angst durch das Leben
gegangen ist und jede Ecke, jeden Winkel kennt. Er kennt das Leben so gut, daß
nichts übrig und unbekannt geblieben ist. Dann ist Meditation leicht, weil niemand
da ist, der Gedanken denken müßte, es ist niemand da, der Wünsche haben könnte.
Du mußt einfach nur ,,Hu" schreien und bist in der Gegenwart. Jedes simple Hilfsmittel
bringt dich zum Stillstand. Zum Beispiel der Stock eines Zen-Meisters vor deiner
Nase... Der Zen-Meister hebt den Stock - und du bist in der Gegenwart. Solche
einfachen Mittel genügen, wenn der erste Teil erfüllt wurde.
Der Zen-Meister Rinzai sprach einmal in einem Tempel. Er hatte schon zu sprechen
begonnen, als ihn jemand störte. ,,Was ist los?" fragte Rinzai und unterbrach
seine Rede. Der Mann stand auf und fragte: ,,Gibt es eine Seele?" Rinzai nahm
seinen Stock drohend in die Hand und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Der
Mann fing an zu zittern; eine solche Antwort hatte er nicht erwartet. Rinzai trat
vor ihn hin, legte beide Hände um seine Kehle und drückte fest zu. Die Augen des
Mannes traten aus ihren Höhlen hervor, aber Rinzai drückte immer fester zu und
fragte: ,,Wer bist du? Mach deine Augen zu!" Der Mann schloß seine Augen, und
Rinzai fragte weiter: ,,Wer bist du?" Nach einer Weile öffnete der Mann seine
Augen, fing an zu lachen, verbeugte sich vor Rinzai und sagte: ,,Du hast meine
Frage beantwortet." So ein einfaches Mittel! Aber der Mann war reif.
Rinzai
wurde gefragt, ob er das gleiche mit jedem mache, der fragt. Rinzai sagte: ,,Der
Mann war reif. Er fragte nicht, um einfach etwas zu fragen. Er war reif. Der erste
Abschnitt seiner Suche war abgeschlossen. Er fragte wirklich. Diese Frage ,Gibt
es eine Seele?' war eine Frage auf Leben und Tod für ihn. Er war vollkommen fertig
mit dem Leben. Dieses Leben hat ihn an den Rand des Todes gebracht, und jetzt
fragte er: ,Gibt es ein Leben?' Darum hätte keine meiner Antworten einen Sinn
gehabt. Ich habe ihm nur geholfen, in der Gegenwart stillzustehen." Natürlich
kannst du weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit sein, wenn dir jemand
die Kehle zudrückt und dich fast umbringt. Du kannst nur hier und jetzt sein,
es ist zu gefährlich, diesen Augenblick zu verpassen. Einem solchen Menschen sage
ich nur: ,,Geh nach innen und finde heraus, wer du bist", und er wird verwandelt
und transformiert. Er geht in samadhi. Er steht still im Moment. Wenn man auch
nur einen einzigen Augenblick in der Gegenwart sein kann, hat man es erfahren;
die Begegnung hat stattgefunden. Jetzt kann man die Spur nicht mehr verlieren.
Spirituelle Suche bedeutet: Wissen, was ist. Was ist all dies? Nicht
all das, sondern dies. Was ist all dieses - dieses Ich, das spricht, dieses Du,
das zuhört - dieses Ganze. Was ist dies? Steht still und geht tief in das, was
ist, hinein; öffnet euch, und laßt es sich öffnen.... Dann findet eine Begegnung
statt. Diese Begegnung ist das Ziel der Suche. Nach dieser Begegnung hat man sich
die ganze Zeit gesehnt. Deshalb haben wir es Yoga genannt. Yoga bedeutet:
Begegnung. Das Wort Yoga heißt Begegnung, Vereinigung, wieder zusammenkommen,
wiederum eins werden. Aber die sogenannten spirituellen Leute suchen keine wirkliche
Spiritualität. Sie projizieren nur ihre Wunschvorstellungen auf eine andere Dimension.
Und keine Wunschvorstellung kann auf die wahre spirituelle Dimension projiziert
werden, denn diese Dimension ist nur denen offen, die wunschlos sind. Die, die
wünschen, schaffen nur immer neue Illusionen und Träume. Begreift zuerst einmal,
daß Wünschen ein Rennen ist, ohne jemals irgendwo anzukommen. Dann steht still
- und seht, was ist. Alles ist offen, nur wir sind in unserem Wunschdenken eingeschlossen.
Die gesamte Existenz
ist offen. Alle Türen sind geöffnet' aber wir rennen mit einer solchen Geschwindigkeit,
daß wir es nicht wahrnehmen können. Und je frustrierter wir werden, desto schneller
laufen wir, denn der Verstand sagt: Du läufst nicht schnell genug, deshalb erreichst
du es nicht. Der Verstand sagt nicht: Du kannst es nicht erreichen, weil du läufst.
Wie kann er das sagen? Es ist unlogisch... Der Verstand sagt: Du läufst nicht
schnell genug, deshalb erreichst du es nicht. Lauf schneller! Und diejenigen,
die schnell laufen, sagen das gleiche: lauf noch schneller - die, die noch schneller
laufen, erreichen das Ziel... Aber niemand erreicht es. Es ist immer jemand vor
dir und immer jemand hinter dir. Du kannst den einen überholt haben, aber ein
anderer ist dennoch immer vor dir. Warum ist das so? Weil Wünsche im Kreis laufen.
Wir laufen im Kreis herum.
Wenn du sehr schnell läufst, kann es also vorkommen, daß selbst jemand, den du
schon einmal überholt hast, irgendwann wieder vor dir ist. Weil wir im Kreis herumlaufen
und immer irgend jemand vor dir ist, bekommst du das Gefühl, daß du nicht schnell
genug läufst. Ein anderer ist dabei, das Ziel zu erreichen, und du bist ein Versager...
Wir in Indien haben viele Wahrheiten
gekannt: wir haben diese Welt sansar genannt. Sansar bedeutet: das
Rad. Es ist nicht nur so, daß wir im Kreis herumlaufen - selbst das Rad dreht
sich. Der Kreis steht nicht still Selbst wenn du stehen bleibst, dreht sich das
Rad weiter. Man muß also nicht nur aufhören, im Kreis herumzurennen, sondern auch
vom Rad springen. Dieses Abspringen ist
Sannyas. Es genügt nicht, einfach stehen zu bleiben, man muß vom Rad herunterspringen,
denn auch wenn man nicht läuft, dreht sich das Rad weiter. Und das Rad ist so
gigantisch und dreht sich mit einer solchen Kraft, daß man weiterläuft, selbst
wenn man stillsteht. Abspringen von diesem Rad ist Sannyas - nicht nur aufhören
zu rennen, sondern abspringen, aussteigen. Bleibt nicht auf dem Rad! Springt einfach
aus dieser ausgefahrenen Spur heraus. Seid Betrachter des Ganzen, nur dann könnt
ihr erfahren, woraus dieses Rad besteht und warum es weiterläuft, selbst wenn
ihr stillsteht. Das Rad besteht aus allen Wünschen, die jemals existiert haben
und noch heute existieren - aus allen Wünschen aller Menschen und Wesen, die je
gelebt haben. Du stirbst irgendwann,
aber deine Wünsche haben Schwingungen geschaffen, die immer weitergehen. Deine
Wünsche haben Wellen geschaffen, die auch dann noch in der Atmosphäre sind, wenn
du nicht mehr bist. Diese Worte, die ich jetzt ausgesprochen habe, diese Laute
werden, auch wenn du nicht mehr bist, bis in die Unendlichkeit weiterschwingen.
Es ist gleichgültig, was du gewünscht hast und ob es erfüllt wurde oder nicht.
In dem Augenblick, in dem ein Wunsch in deinem Bewußtsein, in deinem Herzen auftaucht,
entstehen Wellen, Schwingungen. Diese Wellen breiten sich aus und gehen weiter.
Das Rad des sansar besteht aus
allen Wünschen, die es je gab und aus allen Wünschen, die es jetzt gibt. Diese
Wünsche aller Toten und aller Lebendigen haben eine solch ungeheure Kraft, daß
du nicht stillstehen kannst. Sie treiben dich voran, du mußt einfach mitlaufen.
Es ist wie in einer Menschenmasse: die Menge fängt an zu laufen, und du mußt mitlaufen.
Du wirst einfach mitgetrieben. Und du bist nur sicher; wenn du mitläufst. Wenn
du stillstehst, wirst du überrannt. Es ist nicht so, daß deine eigene Energie
zum Laufen gebraucht wird; selbst wenn du keine Anstrengungen machst, drängt die
Menge dich voran... Das ist das Rad, das Rad der Wünsche. Ihr habt die tibetanische
Abbildung des Rades sicher schon gesehen, es ist wunderschön dargestellt. Das
ganze Rad der Wünsche...
Vom Rad herunterspringen ist Sannyas. Steigt einfach aus. Tretet aus der Menge
heraus und setzt euch am Wegesrand nieder. Ihr sagt Adieu. Nur dann könnt ihr
erkennen, woraus dieses Rad besteht. Ihr seht, daß die Leute im Kreis herumlaufen.
Ihr sitzt am Wegesrand, und dieselben Leute laufen unzählige Male an euch vorbei.
Dann wißt ihr; daß es ein Rad ist. Menschen wie Buddha und Mahavir konnten diese
Welt sansar nennen, denn sie erkannten, daß es ein Rad ist, als sie beiseite traten.
Wir laufen nicht in einer geraden Linie, wir laufen im Kreis und wiederholen die
gleichen Wünsche, Tag und Nacht, und erleben die gleichen Enttäuschungen und gehen
weiter; vom Sog getrieben. Von hinten gestoßen, von vorne gezogen - so treiben
wir voran. Sannyas
bedeutet aussteigen, beiseite treten. Das ist der zweite Teil des Sannyas. Der
erste Teil bedeutet, die Qualen der Enttäuschung, die Frustration zu erfahren.
Und das ist das Wunderbare: wenn man einmal weiß, daß die Welt nichts als Elend
und Frustration bringen kann, ist man überhaupt nicht mehr frustriert. Ihr seid
frustriert, weil ihr glaubt, daß diese Welt nicht frustrierend sei. Diese Qualen
werden empfunden, weil ihr euch noch irgendwelche Hoffnungen macht. Diese Hoffnungen
sind sinnlos. Wenn man das weiß, fühlt man überhaupt keine Hoffnungslosigkeit
mehr; denn wenn alle Hoffnungen verschwunden sind, kann es auch keine Hoffnungslosigkeit
mehr geben.
Deshalb wurde der Buddhismus im Westen nicht verstanden. Der westliche Verstand
konnte diese Ansicht nur als Pessimismus interpretieren - ein natürliches Mißverständnis.
Der Buddhismus ist nicht pessimistisch. Aber dem westlichen Verstand mußte es
so vorkommen, wenn der Buddhismus sagt, daß die Welt frustrierend ist, daß die
Welt dukha - Elend - ist. Ihr denkt, daß euch diese Erkenntnis pessimistisch macht,
aber das ist nicht der Fall. Die Erde kennt keinen glücklicheren, keinen seligeren
Menschen als Buddha - oder nur sehr wenige solcher Menschen. Er war keineswegs
ein Pessimist. Was ist also das Geheimnis? Das
Geheimnis ist, daß man wissen muß, daß das Leben nichts als Leid und Elend bringt;
dann erwartet man nichts anderes. Nur diese Erwartungen schaffen den Pessimismus.
Wenn man weiß, daß Elend und Frustration die Realität sind, erwartet man nichts
anderes, und dann muß man nicht mehr leiden. Wenn das Leben einmal endgültig als
Leid und Elend erkannt wurde, muß man nie mehr leiden. Dann ist man davon befreit.
Ein Sannyasin ist also kein
frustrierter Mensch. Ein Sannyasin ist ein Mensch, der die Welt als frustrierend
erkannt hat. Er selbst ist nicht frustriert. Er fühlt sich vollkommen wohl, denn
es gibt nichts, was ihn enttäuschen könnte. Er weiß, daß alles, was geschieht,
nun einmal so geschieht. Selbst vor dem Tod fürchtet er sich nicht, denn der Tod
ist eine Gewißheit. Wenn du das Wesen dieses wirbelnden Rades einmal erkannt hast
- das Wesen dieser Welt, dieses sogenannten Lebens, dieses Teufelskreises, der
sich immer wiederholt - wenn du das alles einmal erkannt hast, wirst du ein stiller,
glücklicher Mensch. Dann erwartest du nichts mehr, und so kannst du nicht enttäuscht
werden. Jetzt hoffst du nicht mehr, und so gibt es kein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Du bist ruhig und gelassen. Je ruhiger du bist, je gelassener du bist, desto mehr
lebst du im Augenblick, desto weniger schwankst du - du kommst zum Stillstand.
Und in diesem Augenblick,
hier und jetzt, existiert alles, was erkannt und erfahren werden kann: die Erlösung,
Gott, die Realität - alles ist jetzt, in diesem Augenblick! Spirituelle Suche
ist also keine Suche nach etwas, nach einem Ziel. Der spirituellen Suche geht
es darum zu wissen, was ist, und dieses Wissen wird dir zuteil, wenn du im Moment
bist. Im Moment zu sein, ist die geheime Tür; man kann es das offene Geheimnis
nennen. In diesem Augenblick zu sein, ist das offene Geheimnis.
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