Der gewöhnliche Bewusstseinszustand des Menschen hält ihn auf Distanz vom dem, was er wirklich sein könnte: ein völlig bewusstes und völlig lebendiges menschliches Wesen.
Dieser gewöhnliche Zustand liegt irgendwo in der Mitte des Kontinuums zwischen dem pathologischen und dem völlig bewussten, und hat keine klaren Grenzlinien. Wachstum, so wie ich es sehe, ist die Evolution, die Bewegung von diesem mittleren Bereich hin zu mehr Bewusstsein, zu mehr Leben, und ist die Verwirklichung des dem Menschen innewohnenden Potenzials.
Das völlig bewusste und lebendige Individuum ist völlig gegenwärtig in der Gegenwart, und nimmt jede Situation so wahr, wie sie wirklich ist, frei von allen Vorurteilen und aller Befangenheit. Seine Wahrnehmungen und seine Handlungen werden nicht von emotionalen oder gedanklichen Vorannahmen eingeschränkt und nicht von vergangenen Erfahrungen bestimmt. Deshalb ist seine Wahrnehmung genau, und seine Handlung ist intelligent und der Situation entsprechend; und genauso hat er die Fähigkeit zu effektiver Antwort in Einklang mit den Erfordernissen jeder Situation, der er begegnet.
Dies beinhaltet natürlich eine gewisse Freiheit, die solch ein Individuum in seinem Körper als ein Fehlen jeglicher Barrieren gegen die Energiebewegungen erfährt. Seine Emotionen fließen ungehindert und sind angemessene Antworten auf die Situationen, denen er begegnet. Diese Veränderung von dem normalen menschlichen Bewusstseinszustand zeigt sich in einer qualitativen Veränderung im Inhalt der inneren Erfahrungen solch eines Menschen, der für einen normalen Menschen, selbst in seiner Vorstellung, nicht zugänglich ist.
Dieser Zustand ist ein Potential jedes menschlichen Wesens, auch wenn er von der Mehrheit der Menschen nicht erfahren wird.
Es gibt genügend Beweise für seine Wirklichkeit in den wenigen Menschen aus verschiedenen spirituellen Traditionen, dies diesen Zustand verwirklicht haben. Dass es schwierig erscheint, verneint nicht seine Möglichkeit. Alle spirituellen Richtungen, die wirklich darauf ausgerichtet sind, den Menschen zu befreien, versuchen, diesen Zustand zu verwirklichen. Der Wunsch nach Wachstum und Ausdehnung ist, unter anderem, eine direkte Folge der Erfahrung des Fehlens dieses Zustands von Freiheit, der darauf hinweist, dass etwas notwendiges- und deshalb erreichbares- fehlt.
Die Seele des Menschen braucht Freiheit, um glücklich zu sein. Freiheit ist das Wesen des Menschen.
Mit diesem idealen Zustand im Hintergrund unseres Verstehens wird der Prozess von Wachstum und Entfaltung leichter verständlich und wertvoll: jede Abweichung von diesem idealen Zustand weist auf die Anwesenheit von Vorurteilen hin, die auf der Vergangenheit beruhen, entweder offensichtlich oder versteckt, und Wachstum beruht auf der Entdeckung dieser Vorurteile, und dann über sie hinauszugehen. Der gewöhnliche Zustand
In Kontrast zum völlig bewussten Individuum leidet der durchschnittliche Mensch an bewussten oder unbewussten Vorurteilen, ganz gleich ob sie rassisch bedingt sind, sozial oder persönlich. Diese Vorurteile färben nicht nur die Wahrnehmungen und Handlungen eines Menschen, sondern auch seine Beziehungen zu anderen, weil Beziehungen sowohl Wahrnehmung und Handlung mit einbeziehen. Er sieht eine Situation oder eine Person nicht so, wie sie ist, sondern durch seinen eigenen Filter von Vorurteilen und vorgefassten Meinungen. Das Ergebnis ist Leiden und Frustration, und letztendlich ein gedämpftes Leben.
Ein hypothetisches Beispiel ist das eines Mannes, der eine Frau um eine Verabredung bittet, und die Frau 'nein' sagt.
Der Man fühlt sich abgelehnt und nimmt an, dass sie ihn abgelehnt hat, weil etwas mit ihm nicht stimmt. Er denkt dies, weil er seinen eigenen Selbsthass auf die Frau projiziert. Die Frau sagte in Wirklichkeit nein, weil sie Angst hat, dass der Mann, wenn er sie besser kennen lernt, ihre Unzulänglichkeiten entdecken wird. Sie mag ihn, aber weist ihn aus Angst zurück. Sie hat Angst, weil sie ihre Selbstverurteilungen auf ihn projiziert. Sie leiden beide als eine Folge von falscher Wahrnehmung, die aufgrund persönlicher vorgefasster Meinungen von Projektionen verzerrt wird.
Dieses Beispiel zeigt das gewöhnliche Funktionieren von Wahrnehmung und Handlung zwischen Menschen. Es ist kein extremes Beispiel, obwohl sein negativer Inhalt einen das glauben machen könnte. Ein psychologisch normaler Mann würde das Ereignis schnell vergessen; während , falls hier eine konditionierte pathologische Psyche im Spiel wäre, der Mann für einige Zeit handlungsunfähig wäre, selbst wenn er in der Lage wäre, mit der Frau zu reden. Ein wirklich seelisch gesunder Mann würde die Ablehnung ohne jegliche Voreingenommenheit und somit ohne jegliches daraus entstehendes Leiden akzeptieren. Tatsächlich hätte er sie vielleicht von vorneherein nicht einmal gefragt, weil sein waches Bewusstsein ihm ihre Antwort direkt mitgeteilt hätte.
Dieses zeigt die fortwährenden möglichen Reaktionen, die auf dem jeweiligen Bewusstseinszustand beruhen.
Wenn ich hier das Wort 'Vorurteile' benutze, dann meine ich nicht nur seine gewöhnliche begrenzte Bedeutung: festgefahrene Ideen über eine bestimmte Gruppe, Rasse, Religion oder Glaubenssysteme.
Vorurteil, wie wir es anwenden, bedeutet alles, was die objektive Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt. In anderen Worten, verstehen wir unter Vorurteil alles, was über die Einstellung einer Person entscheidet, das nicht völlig in Übereinstimmung mit dem ist, was tatsächlich ist.
Voreingenommenheit tritt in vielen Variationen auf, wirkt auf allen Ebenen, und ist nicht immer so einfach oder offensichtlich wie in dem vorherigen Beispiel. Gedankliche Meinungen, emotionale Abneigungen, Überzeugungen , und Idealvorstellungen sind einige offensichtliche Arten von Vorurteilen. Einige sind so in die Persönlichkeit eingebettet, dass das Individuum sie als normalen Teil der Wirklichkeit ansieht. Sie entscheiden über den Spielraum des Individuums an Ideen, Gefühlen, und Handlungen; und beeinflussen ihn auf vielen Ebenen, einschließlich seiner Charakterstruktur, seiner Körperstruktur, und seines Lebensstils. Sie bestimmen seine Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen, und allgemein zu jeder Situation Konditionierung.
Wie entstehen diese Konditionierungen, und warum sind viele von ihnen so verborgen?
Die Antwort kommt aus der psychologischen Theorie der Konditionierung. Die am meisten zutreffende bewiesene Tatsache ist die, dass das menschliche Wesen sehr beeinflussbar ist und deshalb so konditioniert werden kann, dass er auf bestimmte Weisen auf bestimmte Auslöser reagiert. Das menschliche Kleinkind, wenn es nicht körperlich behindert ist, reagiert normalerweise angemessen auf innere und äußere Auslöser. Wenn Hunger da ist, schreit er nach Nahrung; und wenn der Hunger gestillt ist, ist er glücklich und schläft ein. Die Umgebung ist jedoch nicht immer verständnisvoll oder geht offen auf die Bedürfnisse und die Natur des Kindes ein. Das Kind wird bei bestimmten Handlungen entmutigt oder zu bestimmten Handlungen aufgefordert, die vielleicht nicht seine eigene Entscheidung sind. Man erwartet von ihm, auf eine bestimmte Weise zu sein und sich zu verhalten; ansonsten erfährt er auf irgendeine Weise Bestrafung. Er wird ermutigt( entweder ausdrücklich oder auf versteckte Weise), bestimmte Gefühle nicht auszudrücken oder überhaupt nicht zu fühlen. Weil das Kind so von seinen Eltern abhängig ist, lernt es, ihre Liebe und ihren Schutz zu bekommen oder zu behalten, indem er sich anpasst. Er ist von ihnen wirklich für sein Überleben abhängig, und wird so von seinem Überlebenstrieb motiviert, alles zu tun, was notwendig ist, um ihre Liebe zu bewahren und ihre Unzufriedenheit zu vermeiden. Wenn er sich nicht anpasst, hat er Angst, sie oder ihre Liebe zu verlieren, und das würde sein Überleben bedrohen. Also ist der Überlebensinstinkt , der sich als Angst vor Auslöschung und Tod ausdrückt, die Energie hinter der Anpassung und somit der Konditionierung.
Das Kind befindet sich in der Situation, das sein zu müssen, was die Umgebung (Eltern) ihm vorschreibt, um überleben zu können. Wir können also sagen, dass die Zustimmung zu dem Zwang der Umgebung aufgrund des Instinkts zur Selbsterhaltung geschieht. Das Kind übernimmt dann die Werte und Einstellungen seiner Eltern, oder rebelliert dagegen. In jedem Fall wird er konditioniert, auf bestimmte Weisen zu sein und zu handeln, die im Lauf der Zeit so tief verankert werden, dass er sie als seine Identität ansieht.
Langsam vergisst er seine wahre Identität und wird zu dem, als was er zu sein und zu glauben konditioniert wird. Er entwickelt Muster von Gedanken, Gefühlen, und Handlungen, die zu Gewohnheiten werden und nicht immer dem Moment angemessen sind. Seine Beziehung zu seinen Eltern bestimmt nicht nur seine Beziehung mit sich selbst, sondern auch mit anderen Menschen, denn es ist der Prototyp für Beziehungen mit anderen, und es hat einen Einfluss auf sein Denken in der Zeit seines Lebens, in der er am verletzlichsten und leicht zu beeinflussen ist. In späteren Jahren geht er mit Menschen auf eine Weise um, die davon bestimmt wird, wie er als Kind mit seinen Eltern in Beziehung trat. Der Mensch lebt dann unter der Tyrannei seiner Vergangenheit, anstatt frei zu sein, im jeweiligen Moment gegenwärtig zu sein. Dies bedeutet nicht, dass das ganze Wesen des Individuums konditioniert ist; sondern vielmehr, dass, je mehr ein Mensch konditioniert ist, desto ungenauer sind seine Wahrnehmungen, desto unangemessener sind seine Handlungen, und desto krankhafter ist sein Zustand.
Wir sehen also, dass Wachstum zumindest teilweise ein Prozess von Dekonditionierung ist: das Bewusstsein des Individuums von den Fesseln der sich immer wiederholenden und oft zwanghaften Wege, auf das Leben einzugehen, zu befreien.
Es ist die Wiedererlangung der Fähigkeit, auf frische Weise auf das Leben einzugehen, anstatt auf veraltete und vorhersagbare Weise zu reagieren. >>> weiter: Persönlichkeit und Super-Ego... Die Mechanismen der Unterdrückung und des Supergeo zu erkennen, bewusst zu machen, und sich davon zu befreien, ist ein Ziel jeder authentischen spirituellen Entwicklung.
Konditionierungen und Befreiung von Repression
>>> CD 2018. Die Entstehung der Persönlichkeit und ihre Transformation. |