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Meditation

Mitgefühl- Liebevolle Güte

In der Achtsamkeitsmeditation bestärken wir die begriffliche Ebene des Geistes nicht, vielmehr beobachten wir sie lediglich. Wir betrachten sie einfach als begriffliche, ordnende Instanz.
Die Meditation über Mitgefühl jedoch richtet sich durchaus auf diesen konzeptionellen Aspekt.
Gerade hier haben wir eigentlich die Möglichkeit, aus dieser Ebene tiefgreifenden Nutzen zu ziehen. Indem wir sie mit liebevollem Mitgefühl erfüllen, läutern wir sie.

Diese Meditation schöpft· den an Begriffen, Gedanken und Worten orientierten Geistesbezirk so sinnvoll wie möglich aus. Wir bilden eine geistige Fähigkeit aus. Eine solche Entwicklung könnte sich auf jedes Wesensmerkmal beziehen. Wir könnten Neid entwickeln, und wir könnten Zorn entwickeln. Übung macht in jedem Fall den Meister: das Praktizieren von Neid oder Zorn führt zur Neubildung neidvoller oder zorniger Gefühle, während die Hinwendung zur Liebe wiederum liebevolle Gedanken im Geiste erweckt.

In diesem Fall wird liebevolle Güte einerseits durch das Erkennen der hitzigen Empfindungen des Zorns und andererseits durch das Erfahren einer von Herzenswärme und Geduld ausgelösten Offenheit und Ruhe gefördert. Indem wir der Bezirke des Unwillens und Schuldbewusstseins gewahr werden und uns aus der Isolation von anderen und von unserem tiefsten Selbst lösen, strahlen wir mit Worten wie "Möge ich glücklich sein; möge ich frei sein von Leid" liebevolle Gefühle auf uns selbst und schließlich auch auf alle anderen Wesen aus. Möglicherweise kommen uns diese Worte anfangs ein wenig mechanisch vor - eben nur als Worte. Vielleicht mischen sich auch Gefühle der Unwürdigkeit mit ein: "Ach, das ist ja Selbstverwöhnung, Flucht vor der Verantwortung." Wenn wir uns selbst zum ersten Mal Liebe entgegenzubringen versuchen, unterliegen wir häufig der Vorstellung, keine Liebe zu verdienen. Das rationale Ego bringt zahlreiche Argumente vor, die uns diese Meditation verleiden sollen. Solche Argumente ergeben sich aus Konditionierungen, die man äußerst sorgfältig beobachten sollte. Sie warnen uns nämlich vor zahlreichen Umständen, die uns für die Vollkommenheit, für die Faszination des Lebens blind machen ­vor all dem, was uns gegenüber unserer eigenen Schönheit abstumpft und uns suggeriert, wir seien tatsächlich nichts wert, der Weg zur Erleuchtung sei uns verbaut und eine Weiterentwicklung sei bei unserem verkorksten Wesen auch gar nicht möglich. Auf einer bestimmten mentalen Ebene sind diese Gedanken immer wieder in Gang gehalten und gefördert worden. Nun aber entwickeln wir etwas, das an ihre Stelle treten kann und eine weit machtvollere Art von Bewusstheit hervorbringt als jene negativen Strukturen. Es ersetzt sie auf dem Wege sanfter Beharrlichkeit und Zuversicht.

Zu Anfang verhält sich jene wankende Selbstkritik und Selbstverleugnung wie festgebackene Ackerkrume, die fast undurchdringlich erscheint, durch die Vermischung mit Wasser und einigen Nährstoffen jedoch zur Grundlage intensiven Wachstums wird. Wir lernen, uns selbst mit Herzenswärme und Geduld zu begegnen und diese Eigenschaften weiterzuentwickeln. Diese positiven Wesenszüge können weniger heilsame Kräfte auf ganz natürliche Weise ersetzen.

Eine der Möglichkeiten, liebevolle Güte zu entwickeln, ist die Besinnung auf unsere eigenen positiven Eigenschaften. Ich habe schon mit Menschen gearbeitet, die von sich sagten: "Positive Eigenschaften habe ich nicht; ich kann wirklich nichts Schönes an mir entdecken."
Und ich sage: "Das ist bestimmt eine große Last, wenn man das Gefühl hat, nicht geliebt oder liebenswert zu sein."
"Oh ja, es ist wirklich schlimm, niemanden lieben zu können - und sich selbst erst recht nicht."
"Es muss viele Menschen geben, denen es so geht."
„Ja, und solche Gefühle sind schrecklich für die Leute. Sie sind so einsam, so abgeschnitten von den anderen."

Hier tritt also das tiefe Mitempfinden zutage, das diese Person für die menschliche Situation aufbringt. Sie spricht so liebevoll von sich selbst, weil sie sich der Sorge um die Vereinsamung der anderen bewusst wurde, zu der sie früher keinen Zugang gefunden hatte. Nun ist sie auf jemanden gestoßen, der sich in einer Notlage befindet, und dieser Jemand ist sie zufällig selbst. Jetzt kann sie Gefühle des Wohlwollens auf jenen Raum in sich selbst ausstrahlen, der sich so sehr nach Ganzheit sehnt. Und gen au auf diese Weise wird Meditation vollzogen. Wir verströmen Liebe auf jenes Wesen, das der Liebe entbehrt, und strahlen diese liebevolle Energie schließlich auf alle fühlenden Wesen aus.

Als ich mich erstmals mit dieser Praxis beschäftigte, und­ beispielsweise angesichts meines Ärgers bei einem persönlichen Streit meiner eigenen Betroffenheit gewahr wurde - , begann ich meinem Gegenüber innerlich liebevolle Güte zuzusenden, fest überzeugt, ihn damit zu beschwichtigen und mein eigenes hohes Meditationsniveau unter Beweis zu stellen. Und dennoch war ich zornig - es war mein eigenes Leid, dem ich gegenüberstand. Ich selbst war derjenige, der liebevoller Güte bedurfte. So lernte ich, dass ich erst einmal Liebe zu mir selbst entwickeln musste, bevor ich mich einer anderen Person öffnen konnte. Liebevolle Gefühle auf jemanden auszustrahlen, über den ich mich ärgerte, war nur ein "Egotrip", der zu weiterer Entfremdung führte. Dem anderen tat ich damit keinen Gefallen; ich spürte nur allzu deutlich den subtilen Beigeschmack der Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit in meinem Verhalten. Als ich jedoch in meinem Herzen Raum für mich selbst schaffen konnte, war ich imstande, meine Verärgerung oder Frustration zu akzeptieren, ohne mich von ihr bedroht zu fühlen. Ich konnte ihr den Freiraum geben, den sie zu ihrer Auflösung brauchte. Und dies gab auch der anderen Person die Freiheit, sich von ihrem Zorn zu lösen. Wir müssen erst eins mit unserem eigenen Herzen sein, bevor wir anderen Liebe schenken können.

Die Kraft von Mitgefühl und liebevoller Güte ist so gewaltig, dass jemand, dem wir sie konzentriert zusenden, sie in ruhiger Verfassung ganz deutlich wahrnehmen kann. Es ist eine fühlbare, aber subtile Energie, die bewusst gesteuert werden kann und dem Wesen fürsorglicher Achtsamkeit, dem Grundelement jeder Heilung, überaus ähnlich ist.

Während wir unser Herz im Verlaufe unserer Meditationspraxis mehr und mehr öffnen, beginnen wir die unbeschreibliche Kraft jener Liebe wirklich zu erfahren. Und wir erkennen, wie schwer es uns all unsere eingebildeten Unwürdigkeitsgefühle und Ängste, all unsere Zweifel und Verlangen machen, immer Liebe zu empfinden.
Noch schwerer fällt es uns aber, ganz ohne Liebe zu leben.

Meditationen über Mitgefühl | CD 2001, Transformation und Mitgefühl

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