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Spirituelle Sterbebegleitung

Mitgefühl und die praktische Arbeit der Sterbebegleitung

Die Arbeit mit Sterbenden bedeutet auch eine Arbeit an sich selbst.

Als ich zum ersten Mal in ein Krankenhaus kam, um eine Sterbende zu besuchen, wurde mir bewusst, dass dies der "Prüfstand" für meine spirituelle Praxis sein würde. Mir stellte sich die Frage "Kannst Du auch in der Hölle schwierigster Umstände Dein Herz öffnen?"

Ich stellte fest, dass ein Krankenhaus wahrscheinlich die denkbar ungünstigste Umgebung für jemanden darstellt, der sich einen wirklich "schönen" Tod gönnen will. Krankenhäuser sind dazu da, Leben zu erhalten - mit dem Tod steht man dort auf Kriegsfuß. Man bringt ihm nicht all zuviel Achtung, nicht sehr viel Mitgefühl entgegen. Viele Ängste kreisen um den Tod. Im Krankenhaus bedeutet der Tod immer noch eine Niederlage- weil auch die „professionellen“ Betreuer ihrer Angst vor Vergänglichkeit und dem Ewigen nicht begegnet sind, ihrem eigenen unsterblichen Wesen.


Die meisten schwerstkranken Patienten sagen, dass sie nicht allein sein möchten, wenn der Tod näher rückt. Sie wollen nicht isoliert sein, sondern menschliche Nähe spüren. Doch in vielen Krankenhäusern sind die Schwestern, Pfleger und Ärzte nicht in der Lage, dem sterbenden Patienten entscheidende Hilfestellung zu geben, da ihnen die Möglichkeiten des Umgangs mit dem Sterben und auch die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Tod fremd sind. Studien haben ergeben, dass das Pflegepersonal- nicht etwa vorsätzlich, sondern infolge subtiler psychologischer Mechanismen- auf das Lichtrufzeichen eines Schwerstkranken langsamer reagiert als auf den Ruf eines Patienten, der erwartungsgemäß "nur ein wenig Hilfe" braucht. So werden wir gerade in einer Zeit, in der wir uns am meisten nach lebendigem Kontakt sehnen, am ehesten alleingelassen. Nicht gerade ein idealer Ort, um in Frieden zu sterben.


Mir wurde bewusst, dass die Problematik in einem Krankenhaus die gleiche ist wie bei uns selbst: Unwissenheit.
Es fehlt an Einsicht in den Gesamtprozess. Eigene Ängste und Widerstände verdichten und verkörpern sich in bestimmten Verhaltensmustern und im Ausgrenzen eines uns unbegreiflichen Lebensaspektes: des Sterbens.


Demgegenüber erlebte ich aber auch, dass eine gute Krankenschwester ein regelrechter Segen für ihre Patienten war und eine ganz andere Atmosphäre entstehen ließ. Nur ist "gut" eigentlich nicht der passende Ausdruck. Mit „gut“ meine ich eine Krankenschwester, die dank inniger Verbindung zu ihrer eigenen Menschlichkeit zu echter Fürsorge fähig ist. In vielen Schwesternschulen und bei vielen medizinischen Lehrgängen heißt es immer wieder: "Lass Dich nicht zu sehr auf Deine Patienten ein." Dabei ist es gerade diese Qualität der Fürsorge, der Anteilnahme, welche das Wesen einer Heilung ausmacht. Indessen dreht sich das Geschehen in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen meist vornehmlich darum, die Heilung aus der menschlichen Sphäre, aus der Sphäre der Übermittlung von Energien herauszulösen und dem chemisch-elektrischen Reich der Medikamente und Apparate anzuvertrauen.


Ich machte die Erfahrung, dass es bei unserer allgemein verbreiteten Unwissenheit überaus schwierig ist, echte Fürsorge zu praktizieren.
Dass wir uns nur allzu bereitwillig mit unseren konditionierten Einstellungen zum Tod identifizieren und letztlich umso schmerzhafter aus der Bahn geworfen werden, wenn unsere Perspektive vom Leid ins Wanken gerät. Ich kenne nur sehr wenige Leute, die von der Arbeit mit Sterbenden nicht tief betroffen und oft auch erschöpft sind. Solche Arbeit ist äußerst anspruchsvoll. Erst wenn wir zwischen Leben und Tod keine absolute Grenze mehr ziehen und bei des als Stufen eines Reifeprozesses, einer Heimkehr, einer Rückkehr zur göttlichen Quelle verstehen - oder wie wir diesen Prozess auch immer benennen wollen, können wir gegenüber dem Kontext, in den Krankheit und Tod verwoben sind, achtsam bleiben.


Wenn wir dann mit Menschen arbeiten, die Schmerzen leiden, achten wir ihre Schwierigkeiten und Bedrängnisse, ohne jedoch ihren Widerstand gegen den Schmerz zu verstärken - beispielsweise durch die Äußerung, wie schrecklich eine solche Situation doch sei. So etwas würde ihr Leid nur vergrößern. Auch sagen wir nicht: "Nun, Sie haben die Schmerzen einfach infolge Ihrer karmischen Entwicklung." Das ist kein Mitgefühl. Wir lassen nur unseren Verstand sprechen und kommen in der Arbeit an uns selbst nicht weiter, wenn wir eine Geisteshaltung unterstützen, welche Zwiespalt und Abtrennung fördert. Es ist zwar ihr Karma, aber dieses Verständnis muss aus der tiefen Erfahrung des Augenblicks kommen - aus dem Herzen, nicht aus dem Kopf. Wir müssen es als unser Karma und nicht allein als das Karma jener Person empfinden - nicht als Konzept, sondern als eine fortschreitende Erfahrung, eine Öffnung.
Die Öffnung des anderen wie auch unsere eigene sind Bestandteile desselben Prozesses. Unsere Lebens- und Geistesinhalte mögen sich unterscheiden, aber der Prozess ist absolut derselbe. Die "Naturgesetze“ von Ursache und Wirkung sind identisch mit jenen Gesetzen, die das Verhältnis von Geist und Körper bestimmen. Und diese Gleichheit ist es, die zur Einsicht führt, die uns vor der Verstrickung in diese oder jene Inhalte bewahrt. Tatsächlich ist es auch die Ebene dieser Gleichheit, die eine innere Kommunikation ermöglicht.

Eine solche Gleichheit besteht, wenn ich das Zimmer einer Person betrete, ihre starken Schmerzen förmlich innerlich erfühlen kann und dieses Gefühl gleichzeitig in einer Weiträumigkeit empfinde, die diesen Augenblick absichtslos betrachtet und bereit ist seinen natürlichen Verlauf zu akzeptieren.
Dabei kann es sich um einen seelischen Schmerz wie heftigen Zorn oder tiefe Ängste und Zweifel handeln, und es kann auch Krebs sein, der am Nervensystem frisst.

Die Atmosphäre des Zimmers ist von äußerstem Unbehagen, von extremer Unzufriedenheit mit der Gegenwart beladen. Und ich setze mich zu dieser Person und tauche in diese Gefühle ein. Doch dabei begleitet mich die Einsicht in den Prozess des Kontextes, in dem wir alle leben. Und indem ich mich dieser Erfahrung so weit wie möglich öffne, überschreite ich sie schließlich und gebe jener Person die Gelegenheit, je nach ihrem Vermögen ebenfalls über ihre Erfahrung hinauszugehen. So etwas lässt sich natürlich mit Worten kaum beschreiben. Aber wenn ich so bei jemandem sitze, kann ich mich selbst loslassen und nahezu mit ihm verschmelzen. Ich fühle mich nicht von diesem Menschen getrennt, die räumliche Distanz hindert mich nicht daran, ganz und gar für ihn da zu sein. Das bedeutet, die Rolle des "edlen weißen Ritters" oder des "Käpt'n Karma" aufzugeben, der zur Rettung der Kranken und Sterbenden angetreten ist und geflissentlich übersieht, dass er selbst Krankheit und Tod in sich trägt und von Verhaftung und Unwissenheit durchlöchert ist. Ich bin weise, der andere nicht. Ich bin gesund, der andere ist krank. Das ist Verblendung.

Buddha sagte, dass sich das Schicksal wendet wie ein peitschender Pferdeschweif.
Zwei Wesen treffen sich in einem Raum, von ihrem Karma zusammengeführt. Eines steht am Endpunkt und zieht sich aus dem Leben zurück das andere ist da weil es sich selbst und dem anderen an keinem anderen Ort besser dienen kann.


Beide erwartet Arbeit an sich selbst. Beruhte dieses Treffen auf anderen Beweggründen, wäre die Situation für beide von weit geringerem Nutzen. Was sie tun, mag durchaus das gleiche sein - aber die Präsenz des Todes macht alles viel klarer.

Ich sitze mit einer Person in einem Zimmer, die dem Tod schon sehr nahe ist und Angst empfindet.
Auch ich spüre die Furcht vor dem Tod in mir. Indem ich mich jetzt durch diese Angst hindurcharbeite, gebe ich dem anderen auch ohne Worte die Möglichkeit, seine Angst ebenfalls zu durchdringen. Käme ich ins Zimmer und sagte: "Oh, Sie brauchen vor nichts Angst zu haben - der Tod ist nur ein Übergang, und später werden Sie dann wiedergeboren", dann wäre das kaum hilfreich. Auf diese Weise wichen wir der Kraft des Augenblicks aus - dem Leid, das dieses Zimmer, diese Person in ihrem Bett erfüllt, und dem Leid in der Seele dessen, der an diesem Bett sitzt.

Es ist meine Leidensfähigkeit, die Fähigkeit der Erfahrung meiner eigenen Unzufriedenheit, meines eigenen, daraus folgenden unseligen Karmas, die mich in die Lage versetzt, eine Läuterung und Vollendung zu erreichen.
Die Arbeit mit dem Sterben gleicht dem Blick in einen blank polierten, grellen Spiegel meiner eigenen Realität. Er zeigt mir, welche Ängste mich bewegen, welche Abneigung ich gegen den Schmerz habe. Der konditionierte Widerwille gegen Schmerzen ist sehr mächtig und wird uns stets ein weites Arbeitsfeld bieten. Und der urteilende Geist blickt mir über die Schulter und erzählt mir, wie unfertig ich noch bin, wieviel Arbeit noch auf mich wartet. Dieses Bewusstsein lässt zuweilen ein recht bedrückendes Gefühl entstehen, doch offensichtlich führt an dieser Arbeit kein Weg vorbei. Also behalte ich meine Bewusstheit bei und fühle mich dann wiederum sehr offen und ruhig, sehr teilnahmsvoll und präsent.

Mein Festhalten an der Erwartung, dass eine Person einen bestimmten Sterbeprozess zu durchlaufen habe, bringt ihr keinerlei Nutzen und wird lediglich zu meinem eigenen Problem. Ich habe gelernt, dass ich niemanden dazu bewegen kann, meinen eigenen Wunschtod zu sterben. Ich lasse meine persönlichen Probleme draußen vor der Tür, um den Läuterungsprozess nicht zu trüben. Wenn ich bei jemandem sitze und mich festgefahren habe, dann sage ich einfach: "Ich habe mich festgefahren." Das ist immer noch ehrlicher als vieles andere, was diese Person den Tag über erleben mag. In Krankenhauszimmern wird eine ganze Menge Schauspielerei betrieben. Der Patient im Bett spielt etwas vor, und das gleiche gilt für seine Besucher. Meine Arbeit in diesem Zimmer besteht einfach darin, zu sein. Ohne falsches Spiel. Und sein heißt Präsenz. Ich muss fähig sein, mich selbst ganz und gar zu akzeptieren - einschließlich jenes Teils meiner selbst, der leidend in jenem Bett liegt.
So sind es in Wahrheit zwei Tode, die sich in diesen Augenblicken vollziehen.

Ehrlichkeit bedeutet nicht, dass ich dem anderen meine Wahrheit aufdränge.
Es bedeutet, präsent zu sein, wahrhaftig zu sein.

Je offener ich gewesen bin, je mehr ich die menschliche Situation, das aus unfreiwilliger Verklammerung und beispielloser Achtlosigkeit erwachsende Leid akzeptieren konnte, desto größer war der Raum, den ich meinem Gegenüber und mir selbst zur Entfaltung offerieren konnte. Damit weitete sich das Mitgefühl für die Projektionen und Ängste auf beiden Seiten. Ich erkannte, dass Mitgefühl nicht etwa Einmischung heißt. Mitgefühl entspringt, wenn ich das Leid des anderen nachempfinde und in mein eigenes Wesen transzendiere, wenn ich ihm einen weiten Raum zur Verfügung stelle, in dem er wachsen und sogar sterben kann - je nach seinem Ermessen, seinem Vermögen, seiner „karmischen Konstellation“.

Mir wurde klar, dass sich Mitgefühl nicht darin erschöpft, zu einem Patienten zu sagen: "Oh, Sie sehen aber heute sehr gut aus!" - während er deutlich blasser und magerer geworden ist. Wenn er krank ist, lasse ich ihm die Freiheit, krank zu sein.
Ich lasse ihn sich selbst akzeptieren. Ich bestärke ihn nicht in seinem Widerwillen gegen die Krankheit, denn sie ist das, womit er arbeiten muss. Sie ist seine Methode.

Des weiteren stellte ich fest, dass die Möglichkeiten des menschlichen Herzens immens unterschätzt werden, dass wir meist glauben, dem anderen nur durch unser Wissen dienen zu können.
Dabei können wir gerade mit der intuitiven Einsicht des Geistes auch ohne große "Taten" wertvolle Hilfe leisten. Wir sind für jemanden präsent, weil wir unserer Präsenz keine Schranken setzen. Was heißen soll, dass wir auch das schwere Leiden eines Todkranken akzeptieren und in unser Herz einlassen. Wenn der Schmerz im Raum so gewaltig ist, dass er das Herz fast zerbricht, lassen wir uns mit der Aufgabe jeglicher Wunschvorstellung vom Zusammenfluss von Herz und Geist förmlich absorbieren. Wir finden uns inmitten der offenen, wissenden Seele wieder. Wir sind mit unserem Gegenüber verschmolzen und sprechen mit ihm, als sprächen wir mit uns selbst.

Nun wandelt sich auch die bereits erwähnte Technik der Kommunikation mit dem Herzen zu einer Methode des Dialogs mit uns selbst.

Wenn ich mich in solchen Momenten ganz und gar aus der Rolle des "Helfenden" herausgelöst hatte und mit dem anderen zu einer Zweiheit des Sterbens und der Betrachtung zusammengewachsen war, erlebte ich die Heimkehr zu meiner Vollkommenheit und alle Ermüdung verflog. Mich speiste dieselbe Quelle, dieselbe alles Persönliche unendlich übersteigende Kraft, welche im Strom dieser Verschmelzung auch dem anderen Nahrung gab.

Wenn wir jemanden an diese Quelle geführt haben und den Raum schließlich verlassen, wissen wir kaum noch, wer wir eigentlich sind. Das Bewusstsein hat sich so sehr geweitet, dass wir nur noch Transparenz empfinden. Die Person im Zimmer stirbt, und wir wissen nicht einmal, ob wir ihr helfen konnten. Wir haben unser Möglichstes getan und auch daraus gelernt, aber was wir lernten, wissen wir nicht.

Wir wissen nur, dass sich ein Prozess entfaltet hat - ein Prozess, der uns unserer Grenzenlosigkeit, unserem Energiepotential ein Stück näher gebracht hat. Es war der Schritt in ein Sein, an das keine unserer Vorstellungen je heranreichte.

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