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A: Das ist eine sehr wesentliche Frage. Die Frage ist wichtig, weil sich an ihr die zwei gegensätzlichen Einstellungen zur inneren Wirklichkeit des Menschen aufzeigen lassen. Der westliche Ansatz ist der, über ein Problem nachzudenken, seine Gründe herauszufinden, seine Geschichte aufzudecken, bis zu den allerersten Keimen zurückzugehen, um die Psyche zu dekonditionieren oder sie neu zu konditionieren, um den Körper neu zu konditionieren, um alle Spuren zu tilgen, die im Hirn hinterlassen wurden - das ist der westliche Ansatz. Psychoanalyse dringt in die Erinnerung ein; das ist ihr Gebiet. Sie geht in deine Kindheit zurück, in deine Vergangenheit. Sie geht rückwarts. Sie findet heraus, wo das Problem beginnt: Vielleicht entstand es vor fünfzig Jahren, in der Beziehung zu deiner Mutter? - dann geht die Psychoanalyse dorthin zurück. Fünfzig Jahre Geschichte! Das kann lange dauern. Und selbst dann hilft es nicht viel - denn es gibt Tausende von Problemen. Es geht ja nicht nur um ein Problem. Du kannst also der Geschichte eines einzelnen Problems nachgehen, du kannst in deine Lebensgeschichte einsteigen und die Ursache suchen; so kannst du vielleicht ein Problem loswerden - aber tausend andere warten schon. Wenn du in jedes Problem einsteigen wolltest, brauchtest du Millionen von Leben, um die Probleme eines Lebens zu lösen. Lasst es mich wiederholen: Um die Probleme eines einzigen Lebens zu lösen, müsst ihr wieder und wieder geboren werden, Millionen Male. Das ist wohl kaum zu meistern; es geht nicht. Und von all den Millionen von Leben, die man braucht, um ein Leben aufzuarbeiten, bringt jedes wieder seine eigenen Probleme mit sich ... und so weiter und so fort. Man verstrickt sich immer tiefer in Probleme. Das ist wirklich absurd! Neuerdings wird auch der Körper psychoanalytisch angegangen: Rolfing, Bio-Energetik und andere Methoden, mit denen man die Spuren im Körper, in der Muskulatur zu beseitigen versucht. Auch hier muss man in die Geschichte des Körpers einsteigen. Aber eines ist sicher: Beide Methoden basieren auf dem gleichen logischen Grundgedanken, dass das Problem, weil es aus der Vergangenheit kommt, auch von der Vergangenheit her gelöst werden müsse. Der Osten hat seit eh und je eine völlig andere Einstellung. Erstens ist ihm kein Problem wirklich ernst. Sobald man sagt, dass ein Problem nicht ernst ist, ist das Problem schon zu neunundneunzig Prozent gestorben. Du siehst es plötzlich mit ganz andern Augen. Und zweitens sagt der Osten: Ein Problem gibt es nur deswegen, weil du damit identifiziert bist. Es hat nichts mit der Vergangenheit zu tun, nichts mit seiner Geschichte. Du bist damit identifiziert - das ist das Wichtige. Mit diesem Schlüssel lassen sich alle Probleme lösen. Zum Beispiel: Du bist ein wütender Mensch. Wenn du da zum Psychiater gehst, sagt der: "Erinnere dich ... wie ist die Wut entstanden? In was für Situationen hat sie sich gebildet, wie hat sie sich in dir immer mehr festgesetzt? Alle diese Spuren müssen wir auslöschen. Wir müssen deine Vergangenheit restlos bereinigen." Gehst du aber zum östlichen Mystiker, sagt er: "Du hältst dich für die Wut selbst, du hast dich mit ihr identifiziert - das ist der wunde Punkt. Wenn du das nächste Mal einen Wutanfall bekommst, beobachte einfach genau, bleib Zeuge des Geschehens. Identifiziere dich nicht mit der Wut. Sag nicht: 'Ich bin die Wut.' Rede dir nicht ein: 'Ich bin wütend', sondern schau dem Ganzen nur zu, so, als wäre es ein Fernsehfilm. Schau dir selbst zu, als wärest du ein anderer." Du bist reines Bewusstsein. Wenn dich die Wut wie eine Wolke einhüllt, dann beobachte sie nur und passe scharf auf, dass du dich nicht damit identifizierst. Das ist das ganze Geheimnis: sich nicht mit den Problemen zu identifizieren. Wenn du das erst einmal raus hast, dann ist es auch kein Problem mehr, wie viele Probleme es gibt, denn dieser eine Schlüssel, öffnet alle Schlösser. Und was für die Wut gilt, gilt auch für die Gier, gilt für den Sex, gilt für alles andere wozu der psychische Apparat fähig ist. Der Fragesteller sagt: " Ich wurde in einer repressiven katholischen Familie erzogen...“ Du kannst jetzt sofort ein Nicht-Katholik werden. Jetzt! sage ich. Du brauchst nicht erst noch einmal alles durchzukauen, was immer dir deine Eltern, deine Gesellschaft und der Priester und die Kirche angetan haben. Das wäre reine Vergeudung der kostbaren Gegenwart. Erstens hat dir das alles schon genug Jahre geraubt, und jetzt willst du dir auch noch die Gegenwart damit zerstören. Du kannst einfach aussteigen aus dem Ganzen, so wie die Schlange aus der alten Haut schlüpft. "Willst du nun sagen, dass all diese Panzer, all diese Konditionierungen und Verdrängungen nicht existieren... ?" Nein - sie existieren durchaus. Aber sie existieren nur im Körper oder im Hirn. Sie existieren nicht in deinem Bewusstsein, denn das Bewusstsein kann nicht konditioniert werden. Bewusstsein ist und bleibt frei! Freiheit ist seine innerste Eigenschaft, Freiheit ist seine Natur. Indem du diese Frage stellst, beweist du diese Freiheit. Im gleichen Augenblick, wo du sagst: einundzwanzig Jahre in einem wahnsinnigen Erziehungssystem; wo du sagst: Ich wurde in einer repressiven katholischen Familie erzogen, im gleichen Augenblick bist du nicht identifiziert. Du kannst sehen: soundso viele Jahre katholischer Repression, soundso viele Jahre einer bestimmten Erziehung. In dem Augenblick, wo du das siehst, ist dein Bewusstsein nicht mehr katholisch; wer sonst soll sich dieser Tatsache bewusst sein? Wenn es nicht so wäre, gäbe es keine Möglichkeit, es zu merken. Wenn du sagen kannst: Einundzwanzig Jahre in einem ebenso wahnsinnigen Erziehungssystem, dann ist eines gewiss: dass du noch nicht wahnsinnig bist. Das System ist gescheitert. Es hat nicht geklappt. Du bist nicht wahnsinnig, und darum kannst du das ganze System als wahnsinnig erkennen. Ein Wahnsinniger sieht nicht, dass er wahnsinnig ist. Nur ein gesunder Mensch kann sehen, dass es sich um Wahnsinn handelt. Um Wahnsinn als Wahnsinn zu erkennen, dazu gehört geistige Gesundheit. Diese einundzwanzig Jahre in einem Wahnsinns-System haben keinen Erfolg gehabt, das gesamte repressive Arsenal hat keinen Erfolg gehabt. Und es kann auch gar nicht wirklich gewinnen. Es kann nur in dem Maße Erfolg haben, wie es dich zur Identifikation verleiten kann. Du kannst jederzeit Abstand nehmen... es ist zwar da - ich behaupte nicht, dass es nicht da wäre - aber es ist nicht mehr Teil deines Bewusstseins. Das ist das Schöne an der Bewusstheit: Bewusstheit kann aus allem herausschlüpfen. Sie kennt keine Schranke und keine Grenze. Eben noch warst du Engländer - einen Moment später erkennst du den Unfug des Nationalismus und bist plötzlich kein Engländer mehr. Damit ist nicht gesagt, dass sich deine weisse Haut ändert; sie bleibt weiss - aber du identifizierst dich nicht mehr als Weisser, du bist nicht mehr gegen die dunkle Haut. Du durchschaust die ganze Dummheit. Ich sage nicht, dass du in dem Moment, wo du erkennst, kein Engländer zu sein, die englische Sprache vergisst - keineswegs. Du wirst sie nicht aus dem Gedächtnis verlieren, aber dein Bewusstsein ist ausgeschlüpft, dein Bewusstsein steht auf einem Hügel und blickt ins Tal hinunter. Jetzt liegt der Engländer im Tal und du stehst auf dem Berg, weit entfernt, ungebunden, unberührt. Die gesamte östliche Methodologie lässt sich auf ein einziges Wort reduzieren: Zuschauen. Und die gesamte westliche Methodologie auf ein anderes Wort: Analysieren. Wer analysiert, geht immer im Kreis herum. Wer zuschaut, steigt aus dem Kreis aus. Der östliche Ansatz macht euch auf den Himmel aufmerksam. Der westliche Ansatz macht euch die Wolken immer bewusster, was euch ein bisschen hilft, aber euch nicht zu eurer innersten Natur führt. Die Peripherie wird euch etwas bewusster, aber nicht das Zentrum des Kreises. Und die Peripherie ist ein Zyklon: Ihr müsst das Zentrum des Zyklons finden. Und das ist nur durch Zuschauen möglich. Durch Zuschauen änderst du nichts an deiner Konditionierung. Durch Zuschauen änderst du nichts an deiner Muskulatur. Aber durch Zuschauen machst du die Erfahrung, dass du jenseits von aller Muskulatur und aller Konditionierung bist. In jenem Augenblick des "Darüberhinaus", in jenem Moment der Transzendenz existiert kein Problem mehr - nicht für dich. Und von nun an liegt es bei dir. Weder ist der Körper seine Muskelprägung los noch das Denken seine geistige Prägung. Jetzt kommt es auf dich an: Wenn du dich nach deinem Problem sehnst, kannst du in dein Körper-Geist-System einsteigen und dein Problem wiederhaben und es genießen. Wenn du es nicht haben willst, kannst du draussen bleiben. Das Problem wird als Spur in deinem Körper-Geist-System bleiben, aber du bist fernab und nicht betroffen. Auf die Art lebt ein Buddha. Ihr benutzt euer Gedächtnis - ein Buddha tut das auch; nur ist er nicht mehr damit identifiziert. Er benutzt das Gedächtnis wie eine Maschine. Deine Frage ist also berechtigt. Die Probleme werden bleiben, aber nur als Potentiale von Körper und Geist. Wie kannst du deine Vergangenheit ändern? Du warst früher Katholik; wenn du vierzig Jahre lang katholisch warst, wie kannst du diese vierzig Jahre ungeschehen machen, zu Jahren machen, in denen du nicht katholisch warst? Unmöglich. Deine vierzig Jahre als Katholik bleiben vierzig Jahre als Katholik. Das ist also nicht zu ändern - aber du kannst hinausschlüpfen. Jetzt weisst du ja, dass es nur eine Identifikation war. Die vierzig Jahre können nicht aus der Welt geschafft werden, aber das ist auch gar nicht nötig. Du kannst sogar diese vierzig Jahre irgendwie nutzen, auf kreative Weise. Selbst so eine Wahnsinns-Erziehung kann schöpferisch genutzt werden. "Was ist mit den Spuren, die das im Gehirn und in der Muskulatur des Körpers hinterlassen hat?" Sie werden bleiben, aber nur in Saatform, als Potenzial. Wenn du dich zu einsam fühlst und gern Probleme haben möchtest, kannst du sie haben. Sie werden dir immer offenstehen, aber du brauchst sie nicht zu haben, es besteht keine Notwendigkeit dazu. Es steht dir frei. |
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